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Die Krise in der Erziehung

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Hannah Arendt hält den Vortrag Die Krise in der Erziehung zum 70-jährigen Geburtstag von Erwin Loewenson am 13. Mai 1958 in der Böttcherstraße in Bremen. Es ist eine, oder sogar die einzige, Stelle in der sich Hannah Arendt über Erziehung äußert, da sie ja keine Pädagogin sondern eine Politologin war. Der Vortrag ist in vier Abschnitte unterteilt.


Inhaltsverzeichnis

I


Anlass ist die Krise in der Erziehung in Amerika (sie meint hiermit die USA), die nur „ein besonderer Aspekt der allgemeinen Krise“ (S. 255) ist. Diese Krise sieht sie aber auch als eine Chance etwas neues zu entwickeln.

Hannah Arendt weist darauf hin, dass die Erziehung in Amerika eine besondere Rolle spielt, da die USA eine Einwanderungsland ist – „… es ist offensichtlich, daß die ungeheuer schwierige, nie ganz und doch immer über Erwarten glückende Einschmelzung fremdester Volksteile nur über die Schulen, die Erziehung und Amerikanisierung der Kinder der Einwanderer vonstatten gehen kann.“ (S. 256)

In den USA ist, nach Hannah Arendt, das Erziehungsideal von Rousseau beeinflusst, in dem Erziehung ein Mittel der Politik und die politische Tätigkeit selbst als eine Form der Erziehung verstanden wurde. (S. 257)

Sie bemerkt, dass die Erziehung im Idealfall ein Akt des Überzeugens sein muss, das auch scheitern kann. Jede Generation ist eine neue Generation, die von der alten Generation erzogen werden muss. Dies darf aber nicht diktatorisch sein. In Diktaturen versuchen die Machthaber zuerst die Kinder zu manipulieren. Erwachsene kann man, nach Arendt, nicht erziehen. „Wer erwachsene Menschen erziehen will, will sie in Wahrheit bevormunden und daran hindern, politisch zu handeln. (S. 258)

Als Beispiel führt Hannah Arendt die Probleme in den Südstaaten der USA an. Hier wurde versucht Toleranz gegenüber andersfarbigen „beizubringen“. Es klappte nach Arendt nicht, da die Kinder weiter bei den Eltern wohnten. Es wurde versucht ein Erwachsenenproblem zu lösen, in dem Kinder damit konfrontiert wurden, da die Erwachsenen überhaupt nicht überzeugt werden konnten.

Im weitern Verlauf geht Hannah Arendt auf die radikale Wende der Erziehung in den USA ein, die ungefähr 1933 stattfand. Die „progressive education“ hat „alle bewährten Lehr- und Lernmethoden über den Haufen geworfen.“ (S. 259) Es wurden „alle Regeln des gesunden Menschenverstandes beiseite“ geschoben. Zu dem Zeitpunk wurde nirgendwo auf der Welt die Pädagogik so radikal verändert. Der zweite Punkt der hier neu auftrat, waren die Probleme der Massengesellschaft, die auch auf den Erziehungsbereich Auswirkungen hatten.

Arendt weist kurz darauf hin, dass die Gleichheit oder die „equality of opportunity“ in den USA wichtig ist. Dies führt dazu, dass alle Kinder die High School besuchen und erst im College die Vorbereitung auf das Studium erfolgt. Der College-Lehrplan ist aus diesem Grund völlig überfüllt. Es findet in den USA keine Auswahl der Besten in der Schule statt. Die Unterschiede werden ignoriert. Da alle gleich sein „sollen“ wird auch der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen, „vor allem zwischen Schüler und Lehrer nach Möglichkeit“ (S. 261) verwischt. Dies geschieht auf Kosten der Begabten und auf Kosten der Autorität des Lehrers. Die bis hier aufgeführten allgemeinen Faktoren können die Krise noch nicht erklären.


II


Hannah Arendt führt drei ruinöse Grundüberzeugungen auf, die zur Krise in der Erziehung führen. Die erste ruinöse Grundüberzeugung ist die, dass die Kinder sich möglichst selber verwalten sollen. Dabei ist die Kindergruppe zum einzelnen Kind wesentlicher „tyrannischer, als die strengste Autorität einer einzelnen Person [es] je sein kann. (S. 262) Das Resultat ist „Konformismus auf der einen Seite und Haltlosigkeit auf der anderen Seite.“ (S. 263)

Die zweite ruinöse Grundüberzeugung bezieht sich auf das Lehren. Der Pragmatismus und die moderne Psychologie führten dazu, dass sich alles schwerpunktmäßig auf das „Lehren“ konzentriert hat. Vernachlässigt wurde die Fachausbildung der Lehrkräfte. Dies führt zum Autoritätsverlust der Lehrkräfte, wenn die Lehrkraft dem Lernenden im Stoff nur 45 Minuten voraus ist. Vor allem führt dies zum Autoritätsverlust bei den Lehrkräften, die auf Zwangsmittel verzichten.

Die dritte ruinöse Grundüberzeugung beruht auf dem Pragmatismus. Seine Grundüberzeugung lautet, „dass man nur wissen und erkennen könne, was man selbst gemacht habe …“ (S. 264) Es wird das Lernen durch Tun und das Arbeiten durch Spielen ersetzt. Dadurch werden die Kinder in eine künstliche Kinderwelt gelassen und nicht auf die Erwachsenenwelt vorbereitet.

Dieses Erkennen der drei ruinösen Grundüberzeugungen führt nach Arendt zu der Krise der Erziehung in Amerika und zur Umgestaltung des Erziehungssystems im Jahre 1958.


III


Im Folgenden will Hannah Arendt zwei Fragen klären. Zum einen „welche Aspekte der modernen Welt und ihrer Krise haben sich in der Erziehungskrise …“ (S. 265) gezeigt und zum anderen was kann man daraus lernen.

Eltern haben nach Arendt die Verantwortung für das „Leben und Werden des Kindes wie für den Fortbestand der Welt.“ (S. 266) Diese beiden Punkte können sich auch widersprechen, da das Kind vor der Welt geschützt werden muss und die Welt auch vor den neuen Kindern (Generation) geschützt werden muss.

Den ersten Punkt führt Hannah Arendt weiter aus. Das Werden eines Kindes muss sich nach Arendt in einem geschützten Raum stattfinden – in der Familie. Die Familie bildet einen Schutz gegen die Öffentlichkeit. Dieses Problem liegt im Wesen von Privaten und Öffentlichen in der Neuzeit. Bei Arbeitern und Frauen ist es nach Arendt eine echte Befreiung, aber bei Kindern „eine Preisgabe und eine Auslieferung“ (S. 269). Die Schule beziehungsweise die Lehrkraft übernimmt in der Neuzeit die Aufgabe, die von der Öffentlichkeit beschlossen wurde, die Kinder in die Erwachsenenwelt hereinzuführen. Diese Aufgabe hat wieder obige Aspekte: Verantwortung gegenüber der Welt und Verantwortung gegenüber dem Kind.

Wer die Verantwortung für die Welt nicht übernehmen will, sollte keine Kinder zeugen und darf nicht mithelfen, Kinder zu erziehen.“ (S. 270)

Hannah Arendt weist auf den Unterschied zwischen Qualifikation und Autorität der Lehrkräfte hin. Qualifikation bedeutet für sie, „daß er die Welt kennt und über sie belehren kann, aber seine Autorität beruht darauf, daß er für diese Welt die Verantwortung übernimmt.“ (ebenda) Aber Arendt behauptet, dass die Autorität heute abgeschafft worden ist – „daß der Autoritätsverlust, der im Politischen begann, im Privaten endete“. (S. 272)


IV


Die Krise in der Erziehung kann weder durch Umkehr noch durch unbesonnenes Weitermachen gelöst werden, aber Arendt behauptet, „daß es in der Macht menschlichen Handelns und Besinnens liegt, solche Prozesse zu unterbrechen und anzuhalte.“ (S. 275)

„Das Problem der Erziehung in der modernen Welt liegt darin, daß sie der Natur der Sache nach weder auf Autorität noch auf Tradition verzichten kann, obwohl sie in einer Welt vonstatten geht, die weder durch Autorität strukturiert noch durch Tradition gehalten ist.“ (S. 275)

Arendt folgert daraus, dass man nicht versuchen sollte, Erwachsene zu erziehen, und nicht versuchen sollte, „Kinder zu behandeln, als ob sie Erwachsene wären.“ (S. 276)

Literatur


Hannah Arendt: Die Krise in der Erziehung. In: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I, München, 2000, ISBN 3-492-21421-5






Info Hinweis: Dieser Artikel basiert auf dem Ursprungsartikel Die Krise in der Erziehung aus der Wiki pedia und er steht unter der GNU-Lizenz link fuer freie Dokumentation, eine Autoren-Liste ist ebenfalls verfuegbar.

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