Heimlicher Lehrplan
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Einordnung: Schulwesen
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Der Begriff heimlicher Lehrplan weist auf unausgesprochene Lernziele und ungewollte Lerneffekte in der Erziehung hin, die im offiziellen Lehrplan nicht erwähnt sind und teilweise in Widerspruch zu diesem stehen.
Der Ausdruck "heimlicher Lehrplan" wurde in den späten 1960er Jahren geprägt, wahrscheinlich durch Übernahme des englischen Ausdrucks "hidden curriculum", der angeblich von Brian Jackson ("Life In Classrooms", 1968) eingeführt wurde. Die Wortwahl "heimlich" ist pejorativ gemeint: die heimlichen Lernziele werden nicht offen kommuniziert, sondern "hinterrücks", durch Inhalte und Struktur der Erziehung sowie das Verhalten der Pädagogen, vermittelt.
Um 1970 wurde der Begriff "heimlicher Lehrplan" in der Erziehungswissenschaft vornehmlich in gesellschaftskritischer Absicht verwendet. In dieser Sicht bewirkt Schule eine Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse; Schüler werden dazu abgerichtet, im gegebenen Gesellschaftssystem zu funktionieren. Die Schule hat, wie viele Institutionen, einen Doppelcharakter: zwar verspricht sie Emanzipation und Aufklärung, veranlasst die Schüler aber zu Anpassung und stabilisiert damit das herrschende "System".
In jüngerer Zeit wird verstärkt darauf hingewiesen, dass heimliche Lehrpläne Benachteiligungen zum Beispiel aufgrund des Geschlechts oder der Herkunft bewirken oder festigen können. So wird beim Bemühen um interkulturelle Erziehung darauf hingewiesen, dass eine eurozentristische Unterrichtsweise ausländische Schüler benachteiligt. Physikdidaktiker bemühen sich, den heimlichen Lehrplan zu erkennen und zu verändern, der dazu führt, dass Mädchen innerhalb weniger Mittelstufenjahre ihr Interesse am Fach Physik verlieren.
Der Sache nach machte Eduard Spranger in seinem letzten Buch, "Das Gesetz der ungewollten Nebenwirkungen in der Erziehung" bereits 1962 auf die Unvermeidbarkeit ungewollter Nebenwirkungen aufmerksam.
Schüler lernen nicht nur durch die Tätigkeiten, die ihnen abverlangt werden (zuhören, mitschreiben, Aufgaben lösen, Vokabeln lernen) sondern auch durch Sozialisationsprozesse wie
- nicht vom Lehrer gesteuerte Interaktionen in der Lerngruppe,
- die Imitation von Vorbildern,
- usw.
Um im System Schule zu (über)leben, lernen Schüler Strategien und Taktiken,
- wie man Erfolg bei Mitschülern oder beim Lehrer hat,
- wie man Unwissen verheimlicht,
- wie man unangenehme Arbeit vermeidet,
- wie man als Leerlauf empfundene Unterrichtszeit effektiv für Nebentätigkeiten nutzt;
- usw.
Somit geht es
- "beim heimliche Lehrplan um die lautlosen Mechanismen der Einübung in die Regeln und Rituale der Institution; es geht darum, sich an Oben und Unten, an Gutsein und Schlechtsein, an Auffälligwerden und Durchwursteln zu gewöhnen. Um es in den gängigen Fremdwörtern zu formulieren: es geht um die Einübung in hierarchisches Denken, in Leistungkonkurrenz und Normkonformität." (Meyer, S. 65)
Literatur
- Klaus W. Döring, Lehrerverhalten, Weinheim 1989 , S. 297 ff.
- Hilbert Meyer, UnterrichtsMethoden, I: Theorieband, Frankfurt 1988, 2. Auflage, insbesondere S. 65.
- Jürgen Zinnecker, Der heimliche Lehrplan, Weinheim 1975.
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