Judenfeindlichkeit
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Judenfeindlichkeit ist eine Ablehnung, die sich pauschal gegen Juden richtet: gegen das jüdische Volk (Antike Judenfeindschaft), das Judentum bzw. die jüdische Religion (Antijudaismus) oder gegen eine angebliche "jüdische Rasse" (Antisemitismus).
Juden sind seit mehr als 2000 Jahren sehr oft - fast durchgängig - Opfer von Anfeindung, Unterdrückung, Diskriminierung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung. Dies lässt sich schon in der vorchristlichen Antike nachweisen, zieht sich durch das gesamte Mittelalter und reicht bis in die Gegenwart. Höhepunkt war die staatlich organisierte und industriell vollzogene Massenvernichtung im „Holocaust“ während des Zweiten Weltkriegs.
Verschiedene Formen von Judenfeindlichkeit mit jeweils eigenen Hauptmerkmalen bestimmten die Geschichte Europas mit. Sie lassen sich historisch voneinander abgrenzen, aber nicht trennen: Denn alle ihre Varianten zeigen bestimmte Gemeinsamkeiten. So tauchen dort oft dieselben antijüdischen Stereotypen von "reichen", "geizigen", "neidischen", "verstockten", "schmarotzenden" und "hinterhältigen" Juden auf. Auch das Motiv einer jüdischen Weltverschwörung kehrt immer wieder. Verunglimpfende Karikaturen von Juden aus verschiedenen Zeiten ähneln sich.
Da die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von antiker, christlicher und neuzeitlicher Judenfeindlichkeit noch unzureichend erforscht wurden, trifft man oft eine begriffliche Konfusion an: So werden antike und mittelalterliche Judenverfolgung, aber auch heutige antizionistische und anti-israelische Haltungen oft pauschal als "Antisemitismus" bezeichnet, obwohl diese nicht rassistisch motiviert sein müssen. Teilweise wird dadurch der von Judengegnern ideologisch geprägte "Rasse"-Begriff indirekt übernommen. Um die fundamentale Ablehnung alles "Jüdischen" zu erfassen, erscheint der Begriff "Judenfeindlichkeit" zweckmäßiger. Andererseits hat sich der Begriff "Antisemitismus" eingebürgert.
Ein gemeinsames Kennzeichen verschiedener Formen von Judenfeindlichkeit ist ihre Irrationalität, die besonders im Nationalsozialismus paranoide Dimensionen annahm. Ein Jude wird angefeindet, weil er ein Jude ist. Das zugrundeliegende Judenbild ist dabei ein Phantombild. Das Phantom ist schlecht und böse: "Typisch jüdisch" ist dann alles, was dem Phantombild entspricht. Was ihm nicht entspricht, kann demgemäß nichts mit dem Jüdischsein zu tun haben und wird als Verstellung angesehen. Die Absurdität dieser Denkweise durchschauen viele Menschen leider auch heute noch nicht. Auch deshalb ist die Judenfeindlichkeit bisher nicht überwunden.
Dieser Artikel gibt nur einen Überblick, während die verschiedenen Formen in Einzelartikeln historisch näher dargestellt werden.
| Inhaltsverzeichnis |
Antike Judenfeindschaft
Die Großreiche der Antike - Ägypter, Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen, Römer - versuchten oft, den eroberten Völkern ihre Götter und Kultur aufzuzwingen. Das Judentum war stets bedroht: Es akzeptierte nur einen Gott und lehnte alle anderen Götter ab (Monotheismus). Das führte zu einer Reihe von religiös-politischen Konflikten in und um Israel. Der Seleukide Antiochus IV. versuchte um 170 v. Chr. bereits, Israels Religion auszulöschen.
Unter der neuen Weltmacht Rom blieb den Juden ihre Religionsausübung zunächst erlaubt. Doch mit der römischen Kaiserzeit entstanden erneut Spannungen, die schließlich zum jüdischen Krieg führten. Er endete 70 n. Chr. mit der Zerstörung des 2. Jerusalemer Tempels. Damit verlor das Judentum sein religiöses und staatliches Zentrum. Auch danach galten Juden gebildeten Römern als "Feinde des Menschengeschlechts."
Der christliche Antijudaismus
Dieser entstand seit 30 n. Chr. mit dem Christentum. Religiöse Deutungsmuster wie der "Christus-" bzw. "Gottesmord", der allen Juden Schuld am Tod Jesu gab, und die "Enterbung" des Volkes Gottes zu Gunsten der Kirche, dienten anfangs der Selbstbehauptung einer jüdischen Minderheit in Israel. Sie wurden von der heidenchristlichen Mehrheit übernommen und seit 313 in eine Staatsreligion mit universalem Herrschaftsanspruch integriert.
Im Mittelalter nahm die antijüdische Kirchenpolitik Züge einer systematischen Verfolgung an. Juden wurden nach erfolglosen Missionsversuchen zwangsgetauft, später ghettoisiert und dämonisiert. Im Kontext von sozialen Missständen, Kreuzzügen und Pest führte der Aberglaube häufig zu Massakern (Pogromen) an Juden.
Die religiöse Judenfeindschaft bestimmte Theologie und Politik im christlichen Abendland bis zur Französischen Revolution. Sie prägt die Volksfrömmigkeit bis in die Gegenwart hinein.
Der neuzeitliche Antisemitismus
Nach 1789 entstanden überall in Europa nationalistische Bewegungen. Religiöse Judenfeindschaft trat seit der Aufklärung zurück. Doch Judenhass wirkte fort und suchte sich pseudowissenschaftliche Gründe. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts keimte der Rassismus auf. Auch Juden wurden ab etwa 1860 als "Rasse" definiert. Im Kaiserreich bildete sich daraus eine politische Ideologie. Ein Konglomerat rechtsgerichteter Gruppen machte die Bekämpfung, Isolierung, Vertreibung, Vernichtung alles "Semitischen" zu seinem Programm. Gemeint waren die Juden.
Das bereitete dem Nationalsozialismus den Boden und führte zuletzt zum staatlich organisierten Massenmord (Holocaust) am europäischen Judentum. Dieser betraf auch die Sinti und Roma, andere Minderheiten sowie Millionen von Slawen.
Der Antizionismus
Die durchgängige Judenfeindlichkeit in Europa führte Ende des 19. Jahrhunderts zur organisierten Suche von Juden nach einer eigenen Heimat. Diese Bewegung des Zionismus rief nach den ersten Einwanderungswellen (Alijah) eine Gegenreaktion hervor. Mit dem arabischen Aufstand 1936-39 begann der Widerstand von Palästinensern gegen jüdische Siedler. Dieser wandte sich gegen das Heimatrecht von Juden im Gebiet Palästinas und seit 1948 gegen das Existenzrecht des Staates Israel.
Dessen Politik verstärkte besonders seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 den Hass auf alle Juden: besonders in arabischen Ländern, aber auch in Europa und anderen Teilen der Welt. Dieser findet immer neue Nahrung durch den fortdauernden Nahostkonflikt. Dabei werden oft Motive aus dem europäischen Antisemitismus oder Antijudaismus übernommen. Dennoch muss die arabische und islamische Judenfeindlichkeit aus ihrer eigenen Geschichte heraus erklärt werden.
Der Konflikt hat auf beiden Seiten zu ideologischer Verschärfung geführt: Darum lehnen auch Juden und Bürger Israels den heutigen Zionismus ab, so wie auch Muslime und Araber den Islamismus ablehnen. Antizionismus muss also nicht prinzipielle Judenfeindlichkeit beinhalten.
Judenfeindlichkeit heute
Antijudaismus, Rassismus und Antisemitismus sind in Deutschland keineswegs überwunden, sondern weiter vorhanden und zeigen sich in letzter Zeit wieder verstärkt. Sie finden ein gesellschaftliches Umfeld vor, in dem verschiedene Phänomene zusammen kommen:
- Der Geschichtsrevisionismus fälscht oder "relativiert" die Ursachen des Holocaust.
- Ein "sekundärer Antisemitismus" gibt Juden die Schuld für gefühlte Belastungen wie Zwangsarbeiter-Entschädigungen.
- Israel-Kritik wird zu Israel-Feindschaft, Israel- zu Judenfeindschaft umgewandelt.
- Neue Weltverschwörungstheorien verbinden sich mit alten antisemitischen Klischees.
- Rechtsextreme Gewalt und rechtspopulistische Parteien vernetzen sich stärker.
- Die "Entschuldung" von gefühlter Mitschuld am Judenmord erreicht die Mitte der Gesellschaft und schafft eine neue Normalität, in der Antisemitismus Fuß fassen kann.
Siehe auch
Jude, Judentum, Geschichte Israels, Jüdischer Aufstand, Diaspora, Monotheismus, Antike, Alexander der Große, Seleukiden, Römisches Reich, Römische Kaiser, Jesus von Nazareth, Urchristentum, Kirchengeschichte, Mittelalter, Fettmilch-Aufstand, Pogrom, Ketzer, Inquisition, Kreuzzüge, Pest, Kirchliche Aufarbeitung des Antijudaismus, Zweites Vatikanisches Konzil, Jüdisch-christlicher Dialog, Dreyfus-Affäre, Protokolle der Weisen von Zion, Nürnberger Rassengesetze, Reichskristallnacht, Wannseekonferenz, Holocaust, Auschwitz, Gelber Stern, Zionismus, Theodor Herzl, Alijah, Nahostkonflikt, Sechstagekrieg, Palästinenser, Intifada, Yassir Arafat, Neonazi, NPD, Neue Rechte, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, Xenophobie, Holocaustleugnung, Geschichtsrevisionismus
Literatur
- Thiede, Carsten Peter / Stingelin, Urs: Die Wurzeln des Antisemitismus. Judenfeindschaft in der Antike, im frühen Christentum und im Koran; Gießen: Brunnen 2002; ISBN 3-7655-1264-8
Judenfeindlichkeit (Überblick) | Antike Judenfeindschaft | Antijudaismus | Antisemitismus | Judenfeindlichkeit heute | Arabischer Antisemitismus
Verwandt: Antijudaismus im Neuen Testament | Philosemitismus | Antizionismus
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