Literalität
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Der Begriff Literalität (von lat. littera, "Buchstabe") bezeichnet das mediengenealogische Entwicklungsstadium der Schriftlichkeit, das gekennzeichnet ist durch eine literale Manuskript- und Inschriften-Kultur, also die handschriftliche Speicherung und Weitergabe von kulturellen Inhalten in textlich fixierter Form (Literatur, Liturgie, Rechtsdokumente, Geschichtsschreibung etc.).
Den terminologischen Gegensatz und den mediengenealogischen Vorläufer bildet die Oralität (Mündlichkeit), den Anschluß das Typographeum bzw. die Gutenberg-Galaxis. Die Epoche der Literalität dauerte bis einschließlich des mittelalterlichen Skriptographeums an.
Untersuchungen zur Literalität stammen u.a. von Milman Perry, Eric A. Havelock, Jan Assmann und Walter Jackson Ong sowie Jack Goody und Ian Watt.
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Geschichte und Entwicklung
Nach dem Ethnologen Jack Goody hatte die Erfindung der Schrift eine bisher nicht gekannte Auswirkung auf den menschlichen Geist; er spricht in The Domestication of the Savage Mind (1977), wo er die Auswirkungen der grafischen Repräsentation von Sprache auf kognitive Prozesse untersucht, von einer schriftinduzierten "Domestizierung des Geistes":
- "Die Niederschrift einiger der wesentlichen Elemente der kulturellen Tradition in Griechenland machte zwei Dinge bewusst: den Unterschied von Vergangenheit und Gegenwart und die inneren Widersprüche in den Bild des Lebens, das dem Individiuum durch die kulturelle Tradition, soweit sie schriftlich aufgezeichnet war, vermittelt wurde. Wir dürfen annehmen, dass diese beiden Wirkungen der allgemein verbreiteten alphabetischen Schrift angedauert und sich – vor allem sein der Erfindung der Buchdruckerkunst – vielfach verstärkt haben" (aus: Jack Goody: The Domestication of the Savage Mind, 1977; zit in
Havelock weist dagegen bereits in Preface to Plato (1963) und vor allem in Origins of Western Literacy (1976) sowie The Literate Revolution in Greece and its Cultural Consequences (1982) darauf hin, dass nicht die Schrift an sich den entscheidenden Entwicklungsschritt darstellt, sondern vielmehr die Alphabetisierung der Schrift; dies führt ihn dann zu seiner These von der '"Geburt der Philosophie aus dem Geiste der Schrift". Das wesentliche Charaktersitikum der griechischen Alphabetschrift stellt nach Havelock deren Abstraktheit dar: Sie sei als einzige in der Lage, mündliche Rede unverkürzt, vollständig und fließend wiederzugeben.
Nach Goody und Watt war daher Griechenland "die erste Gesellschaft, die man als ganze mit Recht als literal bezeichnen kann" (Goody/ Watt/ Gough: Entstehung und Folgen der Schriftkultur, 1986, S. 83).
Diese moderne Wertschätzung der Leistungen der griechischen Alphabetschrift mag überraschen, da die gesellschaftliche Bewertung der Schrift und des Schreibens in der griechischen Antike alles andere als positiv war: Platons Verdikte im Phaidros und im Siebten Brief sind ebenso vernichtend wie die des Aristoteles; man betrachtete die Schrift gegenüber der Sprache als etwas Äußerliches und damit von Wahrheit und Tugend noch weiter entferntes als die Sprache. Dennoch ermöglichte die griechische Schriftultur beispielsweise in der Zeit um 500 v. Chr. bis 450 v. Chr. in Górtys das alteste Stadtrecht Europas.
, Seite A (Original)]] Umstritten ist dagegen die Einschätzung des bisher nicht entzifferten Diskos von Phaistós aus der kretominoischen Kultur, der auf das 17. Jahrhundert v. Chr. datiert wird, also aus einer Epoche stammt, die fast ein Jahrtausend vor der Entwicklung der griechischen Schrift liegt.
Jack Goody untersucht in Die Logik der Schrift und die Organisation von Gesellschaft (1990; engl. Ausg. The Logic of Writing, 1986) die "langfristigen Wirkungen der Schrift auf die Organsiation von Gesellschaft" (a.a.O., S. 17):
- "Die Vergangenheit des Vergangenen hängt also von einem historischen Empfindungsvermögen ab, das sich ohne dauerhafte schriftliche Aufzeichnungen kaum zu entwickeln vermag. Eine Schrift aber bewirkt ihrerseits Veränderungen in der Überlieferung anderer Elemente des kulturellen Erbes. Das Ausmaß dieser Veränderungen hängt von der Natur und der sozialen Verbreitung der Schrift ab, das heißt, von der Leistungsfähigkeit der Schrift als Verständigungsmittel und von den sozialen Beschränkungen, denen sie unterliegt, also dem Grad, in welchem der Gebrauch der Schrift in der Gesellschaft verbreitet ist".
Schriftmaterialien und Schriftmittel
Als Schriftmaterialien oder Schriftmittel bezeichnet man alle von der ältesten bis zur neuesten Zeit für Merk- oder Denkmale und zur Schrift benutzten Gegenstände, zum Unterschiede von Schreibmaterialien, als welche alle zum Schreiben dienenden Materialien und Hilfsmittel bezeichnet werden.
Erdhügel, Baumpflanzungen, Steinhaufen, Felswände, Pfähle und Kreuze waren solche erste Schriftzeichen, welche andeuteten, dass der Tote ruhe, dort große Taten geschehen sind oder welcher Weg von hier zur nächsten Ansiedlung führt. Bei diesen Merk- und Denkmalen gab die mündliche Überlieferung (Tradition) die weitere Erklärung; als aber die Ereignisse sich mehrten, da fügte man bezeichnende Figuren hinzu, zur Unterscheidung und Unterstützung des Gedächtnisses.
Schon in ältester Zeit drückte man mit Stäbchen die Schrift als Figuren und Keile, wie die Funde im alten Akkad (Chaldäa) zeigen, in Tonplatten, welche nach der Schrift an der Sonne gebacken wurden. Ebenso tat man in Niniveh, Babylon und Sipphara (Stadt der Bücher), in den Städten zwischen dem Tigris und Euphrat. Bei Überschwemmungen gingen mit den tönernen Häusern auch die meisten tönernen Bibliotheken verloren, deshalb brannte man später die Tonmassen nach der Schrift, wie man denn auch die für Bauten geformten Backsteine zu Ziegeln (sigillae) brannte.
In tonlosen Ländern versuchte man zuerst, die zum Eingraben von Schrift geeignetsten Steinarten zu verwenden, welche zugleich eine große Dauerhaftigkeit erwarten ließen. Schiefer, Marmor, Gips, Porphyr (das alte Purpur) und Kalksteine waren das Schriftmittel der steinernen Bibliotheken der Chinesen, Arier, Iranier und Ägypter; an Stelle der Stäbchen waren Meißel, Keil und Schlägel getreten.
Bis 6000 v. Chr. mag die Schrift nur dem Kult und der Astronomie gedient haben, worauf mit der Bildung staatlicher Gemeinschaft (China, Chaldäa, Assyrien, Ägypten) Gesetze verfaßt, große Thaten niedergeschrieben und Grabstätten mit Nachricht über den Toten (Lypogäen, Pyramiden) errichtet wurden.
Die Hieroglyphe in der Kolossalgestalt verkleinerte sich bei allen Völkern zur hieratischen und endlich zur demotischen (volkstümlichen) Schrift, der Handelsverkehr verlangte, wie die Wissenschaft, immer häufigere und damit gedrängtere Niederschriften, das steinerne Material mußte verlassen werden und man wandte sich ans Pflanzenreich.
In China läßt sich der Gebrauch der Holztafeln außerordentlich weit ins Altertum verfolgen. Ungegerbte Häute, Leder, als breite Streifen und Riemen, fanden bei den Persern, Medern, Assyrern und Ebräern Eingang. Die ungegerbten Häute wurden mit Tusche aus Ruß und Öl, die gegerbten Häute mit einer verdickten Lösung von Kupferwasser (chalcantum), beide Arten übereinstimmend mit Rohr (calamus, arab. quâlem), beschrieben, was später zu den alaunten Häuten und 183 v. Chr. den König Eumenes II. von Pergamos zu der Bereitung des danach benannten Pergaments führte.
Von Ostasien bis Indien, auf den meisten Südseeinseln und an der ostafrikanischen Küste bediente man sich der Palmblätter von Corypha umbraculifera und mancher anderer fleischiger Blattarten (Aloe), während man in Vorderasien bis Griechenland auch in Blätter (Platten) geschnittene Tierknochen, Elfenbein, Muschelschalen und dergleichen. benutzte und bei diesen, wie bei jenen, die Schrift mit einem spitzen Griffel einritzte und mit Ölruß schwärzte.
In Ägypten war schon lange das künstlich aus der Papyrusstaude bereitete Papyros (ägyptisch garta, "Karte") in Gebrauch, doch soll der biblische Josef dessen Anfertigung verbessert haben, welche Papyrart sogar in das heutige Papier übergegangen ist (Josefpapier).
Der große Handelsverkehr der Ägypter seit alter Zeit und der Mangel anderen geeigneten Materials hatten dieses hochkultivierte Volk zur Aufsuchung eines so feinen Schriftstoffs, wie es das quer übereinander geklebte Papyrusblatt ist, angeregt. Außerordentlich groß war die Papyrindustrie, zahlreiche und bedeutende Werkstätten waren zumal in Alexandrien, aber auch im ganzen Deltagebiete. Die Einnahmen für Papyrus reichten aus, um die ägyptische Heeresmacht zu erhalten. Alle Gebildeten schrieben bis um 100 v. Chr. nur auf Papyrus, bis dann das Pergament, welches mancherlei Vorzüge hatte und weil das Papyrus nicht immer zu erlangen war, den Vorrang erhielt.
Die Verwendung des Papyrus hörte gegen Ende des 7. Jahrhunderts, die allgemeine Verwendung des Pergaments, das erst Ende des 6. Jahrhunderts in Europa Eingang gefunden hatte, ums Ende des 13. Jahrhunderts in Europa auf, als das Baumwollenpapier aus Syrien später in Sizilien und Spanien in ausreichender Menge bereitet wurde (siehe Papier). Wie auf Papyrus, so wurde auch auf Pergament mit dem Rohr aus Damaskus und mit Tusche geschrieben, was auch beim Baumwollenpapier in Asien und Ägypten beibehalten wurde; in Europa bediente man sich jedoch schon seit Anfang des 7. Jahrhunderts der Raben- und Gänsefedern in den Kanzleien und nur die Vornehmen gebrauchten Federn aus Elfenbein. Die Tinte wurde wahrscheinlich von den Rabbinern aus dem Oriente nach Europa gebracht, etwa ums 4. Jahrhundert.
Die Erfindung des Linnenpapiers aus abgetragenen Geweben hat in der ganzen Welt (außer China, Japan und Korea) alle anderen Schrift- und Schreibmaterialien verdrängt; an Stelle des umständlichen Gänse- oder Federkiels konnte seit 1830 die Silber- und bald darauf die Stahlfeder treten (siehe Tinte und Tusche).
Steinerne Schriften sieht man nur noch auf den Friedhöfen, Denkmalen und Gedenktafeln.
Siehe auch
- Ethnogenese und Hypolepse
- Wortkultur, Schriftkultur, Textkultur, Buchkultur
- Logozentrismus
- Literarizität,
- Aufschreibesystem,
- Alphabetisches Monopol
Literatur
- Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen (4. Aufl.). München: C. H. Beck 2002. ISBN 3-406-42107-5 (Erstausgabe: 1992)
- Jack Goody: Die Logik der Schrift und die Organisation von Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1990. ISBN 3-518-58061-2 (engl. Ausg.: The Logic of Writing and the Organization of Society. Cambridge 1986)
- H. Günther und O. Ludwig (Hrsg.): Schrift und Schriftlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung. Berlin 1994
- D. R. Olson und N. Torrance (Hrsg.): Orality and Literacy. Cambridge 1991.
- Walter J. Ong: Orality and Literacy. The Technologizing of the Word. 1982 (dt. Ausg. Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes. Opladen 1987)
Weblinks
- weitere Weblinks
- Oralität und Literalität - Sekundäre Oralität: Verändert das Internet das Bewußtsein unserer Gesellschaft? (von Caroline Thon)
- Suche nach Literalität Infos mit: Yahoo
