www.infos-aus-germanien.infoBy Germanien | Startseite | Impressum | Sitemap | Webtips
 

Milgram-Experiment

www.infos-aus-germanien.info




Das Milgram-Experiment ist eine wissenschaftliche Versuchsmethode, die erstmals vom Psychologen Stanley Milgram im Artikel Behavioral study of obedience im Journal of abnormal and social psychology (Bd. 67, 1963 S. 371-378) und anschließend in seinem Buch Obedience to Authority: An Experimental View (dt. Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenĂŒber AutoritĂ€t) 1974 vorgestellt wurde. In dem Experiment soll festgestellt werden, inwieweit Versuchspersonen Anweisungen ausfĂŒhren, die ihrem Gewissen widersprechen.

Inhaltsverzeichnis

Ablauf

Das Experiment beginnt, indem eine Versuchsperson und ein Schauspieler, der vorgibt, ebenfalls Versuchsperson zu sein, an einem Experiment zu Bestrafung und Lernerfolg teilnehmen. Ein offizieller Experimentator bestimmt den Schauspieler durch eine fingierte Losziehung zum „SchĂŒler“, die Versuchsperson zum „Lehrer“. Er erinnert beide mit einem 45 Volt Stromschlag an die körperlichen Folgen von StromschlĂ€gen. Des weiteren wird dem SchĂŒler der Stuhl gezeigt und die Versuchsanordnung genaustens erklĂ€rt. Die Verwandtschaft zum elektrischen Stuhl wĂ€re klar ersichtlich, doch niemand stellt Fragen und die Versuchsanordnung wird allgemein akzeptiert.

Der Lehrversuch besteht nun darin, dass der „Lehrer“ dem „SchĂŒler“ bei Fehlern jeweils einen Stromschlag versetzt, wobei die Spannung nach jedem Fehler um 15 Volt erhöht wird. In Wirklichkeit erlebt der Schauspieler keine StromschlĂ€ge, sondern reagiert nach einem vorher bestimmten Schema, abhĂ€ngig von der eingestellten Spannung. Wenn die Spannung 150 Volt erreicht, verlangt der Schauspieler beispielsweise, von seinem Stuhl losgebunden zu werden, da er die Schmerzen nicht mehr aushalte. Dagegen fordert der dabeisitzende Experimentator, dass der Versuch zum Nutzen der Wissenschaft fortgefĂŒhrt werden mĂŒsse. Wenn der „Lehrer“ Zweifel Ă€ußert, ĂŒbernimmt der Experimentator alle Verantwortung und sagt „machen Sie weiter“ oder einen von 3 weiteren standardisierten SĂ€tzen. Die SĂ€tze wurden immer gleich gesprochen und wurden vorher eintrainiert, um einen möglichen aggressiven Unterton (der autoritĂ€r wirken könnte) zu verhindern.

Unterschieden werden 4 verschiedene experimentelle Bedingungen, in welchen die Versuchsperson den "SchĂŒler" nicht hört (außer einen Schlag an die Wand bei 300V), ĂŒber den Lautsprecher hört, sieht (er befindet sich im gleichen Raum) und - als letzte, extremste Versuchsanordnung - direkten Kontakt zum "SchĂŒler" hat. Hierbei muss die Versuchsperson (geschĂŒtzt durch einen Handschuh) die Hand des "SchĂŒlers" auf eine Metallplatte drĂŒcken, so dass die StromschlĂ€ge ĂŒbertragen werden. Ebenfalls wurde die PrĂ€senz des Versuchsleiters variiert: direkt im Raum, nur ĂŒber Telefon erreichbar und - als letzte Bedingung - ganz abwesend. Die Instruktionen erfolgten hierbei ĂŒber ein Tonband.

Der "SchĂŒler" war ein unauffĂ€lliger Amerikaner mit irischer Abstammung, die in der damaligen Zeit gerne gesehen wurden und mit denen man grundsĂ€tzlich Fröhlichkeit und Gelassenheit verband. So wollte man verhindern, dass die Versuchsperson im Vorfeld negative Prototypen zum Einsatz kommen lĂ€sst und eventuelle Vorurteile und Antipathien die Handlungsweise der Versuchsperson Ă€ndern wĂŒrden.

Milgram war es sehr wichtig (um eventuelle Kritik im Keim zu ersticken), dass die Versuchspersonen vom Versuchsleiter oder dem "SchĂŒler" nicht beeinflusst wurden. Zudem ließ er den Versuchspersonen die freie Wahl, wann sie gehen wollten. Die Versuchspersonen erhielten das Geld (fĂŒr die Deckung der Anreisekosten, also relativ wenig) schon nur fĂŒr das Erscheinen, was auch entsprechend kommuniziert wurde. Der Versuchsleiter war neutral gehalten und seine Kleidung war in einem unauffĂ€lligen Grauton. Er wirkte und verhielt sich nicht autoritĂ€r, aber dafĂŒr bestimmt. Äußerte eine Versuchsperson Zweifel oder wollte gar gehen, sagte der Versuchsleiter einen seiner 4 SĂ€tze. Nach dem vierten Mal wurde das Experiment abgebrochen. Die Versuchsperson hatte somit jederzeit die freie Wahl, ob sie weitermachen wollte.

Ergebnisse

In Milgrams erstem Versuch waren 60% der Versuchspersonen bereit, den „SchĂŒler“ mit dem maximalen 450 Volt Stromschlag zu „bestrafen“; allerdings empfanden viele einen starken Gewissenskonflikt. Kein „Lehrer“ weigerte sich, bevor die 300 Volt Grenze erreicht war. In der vierten Versuchsanordnung, in welcher die Versuchsperson den direkten Kontakt zum "SchĂŒler" hat, war die erreichte Schockstufe am niedrigsten. Die Abwesenheit des Versuchsleiters bewirkte, dass die Gehorsamsrate dreimal niedriger ausfiel als in der Bedingung, in welcher der Versuchsleiter anwesend war. Alle Versuchspersonen zeigten einen aufgewĂŒhlten GemĂŒtszustand, hatten Gewissenskonflikte und waren aufgeregt. Um den ethischen Aspekten gerecht zu werden, erhielten die Versuchspersonen nach dem Experiment detaillierte Informationen ĂŒber das Experiment sowie ĂŒber die Ergebnisse. Um eventuelle LangzeitschĂ€den zu erkennen, wurde eine Stichprobe der Versuchspersonen ein Jahr nach dem Experiment erneut besucht und befragt. Das Experiment zeigte keine schĂ€dlichen Auswirkungen auf die Psyche der Versuchspersonen.

Das Experiment ist in unterschiedlichen Varianten in anderen LÀndern wiederholt worden. Die Ergebnisse waren generell vergleichbar, was somit auch die Kritik einer nicht reprÀsentativen Stichprobe entkrÀftet.

Im Vorfeld des Experiments waren Psychologen, Mediziner und andere Fachleute befragt worden, wie hoch sie den Gehorsam der Versuchspersonen einschĂ€tzen. Hierbei gingen ĂŒber 90% davon aus, dass niemand die Schockstufe großartig erhöhe, geschweige denn ans Maximum geht. Dementsprechend lösten die Ergebnisse Erstaunen aus und sorgten fĂŒr Aufruhr und Kritik. Niemand wollte es so richtig glauben.

Schlussfolgerungen

Heute wĂŒrde ein derartiges Experiment von vielen Psychologen als unethisch angesehen, da es die Versuchspersonen einem starken inneren Druck aussetze. Zudem wurden die Versuchspersonen ĂŒber den Zweck des Experiments getĂ€uscht.

Milgram kommentiert die Ergebnisse seines Experiments in „The Perils of Obedience“:

The legal and philosophic aspects of obedience are of enormous import, but they say very little about how most people behave in concrete situations. I set up a simple experiment at Yale University to test how much pain an ordinary citizen would inflict on another person simply because he was ordered to by an experimental scientist. Stark authority was pitted against the subjects’ strongest moral imperatives against hurting others, and, with the subjects’ ears ringing with the screams of the victims, authority won more often than not. The extreme willingness of adults to go to almost any lengths on the command of an authority constitutes the chief finding of the study and the fact most urgently demanding explanation.

Übersetzung:

Rechtliche und philosophische Aspekte von Gehorsam sind zwar sehr wichtig, sie sagen aber wenig ĂŒber das Verhalten eines Menschen in einer konkreten Situation. Ich wollte mit dem Experiment feststellen, wieviel Schmerz ein Mensch einem Anderen zufĂŒgen wĂŒrde, bloß weil ihn ein Experimentator dazu auffordert. AutoritĂ€t stand gegen den starken moralischen Grundsatz der Versuchsperson andere nicht zu verletzen, und obwohl Schmerzenschreie offensichtlich waren, gewann in der Mehrzahl der FĂ€lle die AutoritĂ€t. Die extreme Bereitschaft von erwachsenen Menschen, einer AutoritĂ€t fast beliebig weit zu folgen, ist das Hauptergebnis der Studie, und ist eine Beobachtung, die dringender ErklĂ€rung bedarf.

Bis heute gilt der AutoritĂ€tsgehorsam theoretisch als nur unzureichend geklĂ€rt. Obwohl Milgram eine Persönlichkeitsbasis fĂŒr AutoritĂ€tsgehorsam und Verweigerung vermutete, konnte er diese nicht belegen. Statt dessen ging er von zwei FunktionszustĂ€nden aus, dem "Agens-Modus" und dem "systemgebundenen Modus". Im letzteren wird das Individuum in seinen Handlungen von den Strukturen eines AutoritĂ€tssystems bestimmt und verliert an persönlicher Autonomie. Das Experiment zeigt, dass die meisten Versuchspersonen durch die Situation veranlasst wurden, sich an der AutoritĂ€t des Versuchsleiters statt an dem Schmerz der Opfer zu orientieren.

Literatur

Filmische Umsetzung

Regisseur Henri Verneuil hat das Milgram-Experiment in seinen Film "I wie Ikarus" aus dem Jahr 1979 eingebaut. VordergrĂŒndig handelt der Film von den Geschehnissen rund um den PrĂ€sidentenmord (Parallelen zum Attentat auf John F. Kennedy waren wohl erwĂŒnscht) in einem imaginĂ€ren Staat.

Der deutsche schwarz/weiß-Film Adam - Das Experiment oder auch Abraham - Ein Versuch aus den 1970ern zeichnet das Experiment dokumentarisch nach. Erst am Schluss des Filmes wird der Zuschauer wie der Proband im Experiment selbst darĂŒber aufgeklĂ€rt, dass alles nur gestellt ist. Der Zuschauer selbst wird so zum Teil des Experiments und stellt sich stĂ€ndig selbst die Frage, wo nun die Grenze ist. Dieser Film wurde in den 1970ern im deutschen Fernsehen ausgestrahlt und sorgte gerade im Zusammenhang mit der deutschen Geschichte fĂŒr Diskussionen.

Der Film "Das Experiment" (Deutschland 2001, Regie: Oliver Hirschbiegel, Hauptrolle: Moritz Bleibtreu) widmet sich dem auf vergleichbare Fragen angelegten Stanford Prison Experiment, das 1971 von dem Sozialpsychologen Philip Zimbardo durchgefĂŒhrt wurde. Dabei sollten Studenten ĂŒber mehrere Wochen eine GefĂ€ngnissituation "spielen" und wurden hierzu in Gefangene und WĂ€rter eingeteilt. Nach sechs Tagen mußte das Experiment abgebrochen werden, da die Situation völlig außer Kontrolle geraten war.

Weblinks




Siehe auch: Menschenversuch, Stanford Prison Experiment, Das Experiment (Film)







Info Hinweis: Dieser Artikel basiert auf dem Ursprungsartikel Milgram-Experiment aus der Wiki pedia und er steht unter der GNU-Lizenz link fuer freie Dokumentation, eine Autoren-Liste ist ebenfalls verfuegbar.