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Motiv (Philosophie)

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Das Motiv ( lat. motivum : die Bewegung) bezeichnet die inneren subjektiven Absichten des individuellen Handelns der Menschen, die unmittelbaren, subjektiv-bewußten Beweggründe der Tätigkeit des Individuums, die dem individuellen Willen Richtung und Inhalt geben. In Verbindung mit dem Willen, der den Menschen zur Realisierung der im Motiv gesetzten Absichten aktiviert, werden Motive zu Handlungsantrieben.

Inhaltsverzeichnis

Zur Bestimmung der Motive als gesellschaftliche Verhaltensdetermination

Die Gesamtheit der Motive und ihrer Wirksamkeit bildet ein notwendiges Glied der gesellschaftlichen Verhaltensdetermination des Menschen, ein notwendiges Moment seiner bewußten, praktischen, weltverändernden und selbstverändernden gesellschaftlichen Tätigkeit und damit auch der Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Insbesondere dieser Zusammenhang bestimmt das philosophische Interesse am Problem der Motive, die philosophischen Aspekte der Motivation. Das gilt insbesondere in bezug auf philosophische und soziologische Probleme der gesellschaftlichen Weiterentwicklung.

Zur Abgrenzung der gesellschaftliche Verhaltensdetermination von der Motivstruktur des Menschen

Die Motivstruktur - als Bildung und Wirksamwerden einer Gesamtheit zusammenwirkender Motive - ist zwar ein notwendiges Moment der gesellschaftlichen Verhaltensdetermination des Menschen, sie ist aber mit dieser nicht identisch. Das System der Verhaltensdetermination umfaßt die Gesamtheit der das Handeln von sozialen Schichten, Gruppen und Individuen bestimmenden und kanalisierenden Faktoren. Hierzu gehören vor allem die konkreten ökonomischen und politischen Verhältnisse einer Gesellschaftordnung, aber auch die davon abgeleiteten ideologischen Beziehungen und Phänomene einer jeweiligen Gesellschaft. Ferner gehören dazu die gesellschaftlichen Erfahrungen, die Informations- und kommunikationsverhältnisse, Traditionen, die Objekte des Handelns, das Handeln selbst u.a. Die nächsten, unmittelbaren Verhaltensdeterminanten sind die inneren, subjektiven Faktoren, zu denen auch die Motive gehören. Sie unterliegen der direkten und indirekten gesellschaftlichen Bestimmtheit durch die anderen genannten Determinanten und bilden die Vermittlung zwischen diesen und dem Verhalten der Individuen.

Zu den verschiedensten Erklärungsmodellen der Motiventwicklung in der Geschichte der Philosophie

In der Geschichte der Philosophie hat die Erklärung des Motivs verschiedene Deutungen in Abhängigkeit von den jeweils isolierten Positionen der Betrachtungsweise erhalten. Bei Leibniz und Johannes Duns Scotus bestimmen die Motive den Willen nicht, sie "inklinieren" ihn nur für konkrete Entscheidungen. Bei John Locke findet eine Gleichstellung der Motive mit der Seele statt. Er sieht die Entstehung der Willenentscheidung in der Quelle der Unlust, dem Umbehagen ("uneasiness"). Bei Leibniz ergibt sich das Motiv als Resultat der Auseinandersetzung aus verschiedenen mehr oder weniger deutlichen GedankenIn(In: Neue Versuche über den menschlichen Verstand). Er weist auch auf psychogene Quellen der Motive hin: den Gefühlen und Begehrungen zur Befreiung von Hemmungen (in: ebenda). Die Neigungen werden von den Motiven bestimmt, beherrschen sie aber nicht(in: Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie, heausg. 1904 - 1906, 2 Bände, I, S. 168).

Zur Motivbildung bei Christian Wolff und Schopenhauer

Bei Christian Wolff ist ebenso wie schon bei den Scholastikern die Deutung zu finden, daß das Motiv in der Vorstellung des Objekts besteht (als bonum ad nos) (in: Psychologica empirica, 1838). Motive gelten ihm als "die Gründe des Wollens und Nichtwollens" (in: Vernünftige Gedanken an Gott, der Welt und der Seele des Menschen, I, 1733). Bei Schopenhauer entsteht der Wille durch den Instinkt oder die Motivation: "Das Motiv nämlich wirkt ebenfalls nur unter der Voraussetzung eines inneren Triebes, d.h. einer bestimmten Beschaffenheit des Willens, welche man den Charakter desselben nennt: diesem gibt das jedesmalige Motiv nur eine entscheidende Richtung -, individualisiert ihn für den konkreten Fall"(in: Die Welt als Wille und Vorstellung, 1819, II, B, C 27).

Zur Motivbildung bei Wilhelm Wundt

Nach Wilhelm Wundt wird eine Vorstellung zum Motiv, sobald das begleitende Gefühl den Willen dazu drängt. Die Gefühlsstärke der Vorstellung bildet dann eine Einheit mit der Motivationskraft(in: Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1893; Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele, 1892). Er unterscheidet aktuelle und potentielle Motive, Zweck-, Haupt- und Nebenmotive:

"Wir nennen alle diejenigen Motive, welche tatsächlich zur Wirksamkeit im Wollen gelan-
gen, die aktuellen, diejenigen dagegen, die als gefühlsärmere Elemente des Bewußtseins
unwirksam bleiben, die potentiellen". "Insofern ein aktuelles Motiv mit der Vorstellung des
Effektes der entsprechenden Handlung verbunden ist, heißt es ein Zweckmotiv. Ein sol-
ches Zweckmotiv endlich, welches den Endeffekt der Handlung in der Vorstellung antizi-
piert, heißt Hauptmotiv, im Unterschiede von den Nebenmotiven "(In: Ethik, 1892).

Schließlich trifft er noch die Unterscheidung aus den sittlichen Motiven heraus: als Wahrnehmungs-, Verstandes- und Vernunftmotive. Die imperativen Motive ordnet er wie alle Motive als impulsiv ein: "sie verbinden sich mit der Vorstellung, daß sie allen andern bloß impulsiven Motiven vorgezogen werden müssen." Als Quellen der Motive gelten bei ihm: äußerer und innerer Zwang, dauernde Befriedigung, die Vorstellung eines sittlichen Lebens. Bei den imperativen Motiven sieht er den Unterschied aus dem Zwang und der Freiheit heraus(in: ebenda).

Zur Motivbildung bei Wilhelm Windelband

Nach Wilhelm Windelband resultiert die Stärke eines Motivs aus dem Kriterium der Erfahrung von der Kraft einer Wahlentscheidung. Für ihn existiert eine motivlose Wahl nicht, aber unter Umständen bei einem Verzicht für eine Wahlentscheidung. Diese führt er auf das Wirken eines psychologischen Assoziationsmechanismus zurück. Die Basis eines entwickleten Motivationslebens führt er auf Erinnerungsgefühle zurück. Motive, die in die gleiche Richtung (als Modalität) wirken, summieren sich, endernfalls findet eine Reduzierung statt(in: Über Willensfreiheit, 1904).

Zur Abgrenzung der Motive des Individuums von gerichteten Handlungsweisen sozialer Gruppen

Motive dürfen nicht mit der ideellen Zwecksetzung und Ausrichtung des Verhaltens von Schichten und sozialen Gruppen identifiziert werden. Der Begriff des Motivs bezieht sich nur auf das individuelle Handeln und die individuell-subjektiven Triebe. Das Verhalten von Schichten und Gruppen ist in diesem Sinne nicht motiviert, wohl aber in einem bestimmten Verhältnis begründet und gezielt. Motive sind nicht mit Bedürfnissen identisch. Bedürfnisse - als Ausdruck eines mehr oder weniger bewußt gewordenen oder empfundenen Mangels des Menschen an materiellen oder ideellen Gütern - sind wesentliche Grundlage für die Bildung von Motiven; sie entwicklen sich aber erst durch ihre Verbindung mit auf die Befriedigung orientierten Zwecken zu Mortiven.

Zur Abgrenzung der Motive von den Gefühlen

Ähnlich verhalten sich Motive und Gefühle. Auch Gefühle können eine wesentliche Grundlage für Motive bilden, diese haben jedoch keinen Zweckcharakter. Ähnliches gilt auch von Einsichten. Auch sie wirken nicht unmittelbar motivierend. Erst die aus Einsichten resultierende Zielsetzung bzw. die Umsetzung von Einsichten in Absichten führt zur Motivierung.

Merke: Motive beinhalten also stets einen beabsichtigten Zweck

In der Regel entwickelt der Mensch zur Befolgung dieser in den Motiven liegenden Ziele schrittweise Einzelziele hinsichtlich der Art und des Ablaufs der erforderlichen Tätigkeiten, die sich ihrerseits als Mittel zur Erreichung der im Motiv gesetzten Ziele darstellen. Daher können gleichen Aktivitäten verschiedener Menschen bei gleichen unmittelbaren Zielen ganz unterschiedliche Beweggründe (als Motive) zugrunde liegen. Insofern sind also auch Motive und Ziele nicht identisch.

Zur Unterscheidung von Handlungsresultaten und ihren Ausgangsmotiven

In letzter Instanz müssen sich Motive in Handlungsresultaten mit einem bestimmten Ausgang verwirklichen. Jedoch darf der Zusammenhang zwischen inneren Motiven und Handlungen nicht vereinfachend betrachtet werden. Hinter gleichen Handlungsweisen können verschiedene Motive stehen, und gleiche Motive können unter verschiedenen gesellschaftlichen Bedingungen zu verschiedenartigen Handlungsresultaten führen. Daher genügt die Erfassung von Handlungsresultaten nicht, um die motivationalen Hintergründe konkreter Handlungsweisen zu erfassen. Hinzu kommt, daß es für eine Handlung oder Tätigkeit in der Regel nicht nur ein Motiv gibt, sondern daß eine Vielzahl verschiedener Absichten zusammenwirkt und dabei eine bestimmte Motivhierarchie zustande kommt. Die Motivierung einer konkreten Handlungsweise muß also als ein ganzes System von Motiven verstanden werden, das eine relative Selbständigkeit besitzt und einen sehr dynamischen Charakter hat.

Zur Herausbildung der Motivstruktur des Menschen

Auf der anderen Seite ist auch die Bildung und Entwicklung von Motiven ein sehr komplizierter Prozess. Konkrete Motive entstehen im dialektischen Zusammenwirken verschiedener Faktoren. Die im Menschen entwickelten Anschauungen und Neigungen, die ihm bewußt gewordenen individuellen Bedürfnisse und Interessen, seine Bildung, sein Charakter u.a. treffen zusammen mit den Wirkungen, die von den verschiedensten Eindrücken und Einwirkungen der gesamten Umwelt ausgehen. In der Auseinandersetzung zwischen den inneren Bedingungen und den reflektierten gesellschaftlichen Bedingungen im weitesten Sinne, die sich ihrerseits als Moment der praktischen Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt entwicklen, erwächst seine bestimmte Motivstruktur für das Handeln des einzelnen in der Gesellschaft.






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