Pogrom von Rostock-Lichtenhagen
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--InfoG 16:57, 24. MĂ€r 2005 (CET)
Der Stadtteil Lichtenhagen erlangte im August 1992 traurige BerĂŒhmtheit, nachdem es dort zu den gröĂten auslĂ€nderfeindlichen Pogromen der deutschen Nachkriegsgeschichte kam.
| Inhaltsverzeichnis |
Vorgeschichte
Lichtenhagen ist ein Stadtteil im Nordwesten der Stadt Rostock. Er wurde benannt nach dem gleichnamigen Dorf, das heute zur Gemeinde Elmenhorst/Lichtenhagen im Landkreis Bad Doberan gehört. Der Stadtteil war eine der ersten Plattenbausiedlungen Rostocks. Wegen seiner NĂ€he zum Seebad WarnemĂŒnde ist er auch heute noch eine beliebte Wohngegend.
Die Zentrale Aufnahmestelle fĂŒr Asylbewerber fĂŒr Mecklenburg-Vorpommern (ZASt M-V) befand sich in einem elfgeschossigen Plattenbau in dem Rostocker Neubauviertel, der wegen seiner Fassadengestaltung "Sonnenblumenhaus" genannt wurde. Das Haus war berĂŒchtigt fĂŒr die menschenunwĂŒrdigen Bedingungen, in denen die Asylbewerber dort untergebracht waren. Eine Betreuung der Bewohner fand so gut wie nicht statt. Die Behörden ignorierten die zahlreiche Beschwerden der Anwohner und Bewohner ĂŒber die hygienischen ZustĂ€nde und die menschenunwĂŒrdigen Bedingungen im Wohnhaus.
Die Ăbergriffe
Nachdem es zuvor schon zu mehreren auslĂ€nderfeindlichen Ăbergriffen gegen einzelne Bewohner des "Sonnenblumenhaus" gekommen war, versammelten sich am 22. August 1992 zahlreiche Jugendliche. Sie begannen, Bewohner des Hauses, die sich vor dem GebĂ€ude befanden, mit Steinen zu bewerfen. Nachdem diese in das Haus geflĂŒchtet waren, begann der Mob, die Fensterscheiben des Hauses einzuwerfen. Die Polizei griff nur zögerlich ein und zog sich zurĂŒck, als die anwesenden Jugendlichen und Anwohner Widerstand leisteten.
In den folgenden NÀchten kamen immer mehr Menschen, die sich entweder an den Attacken gegen das Haus und den Auseinandersetzungen mit der Polizei beteiligten, oder daneben standen, schauten, die TÀter bejubelten oder auslÀnderfeindliche Parolen skandierten.
Am dritten Tag der Ăbergriffe am 24. August wurde frĂŒh morgens die ZASt evakuiert. Die RĂ€umung eines daneben liegenden Wohnheimes unterblieb jedoch, weil man im Rostocker Rathaus geglaubt hatte, hier wĂŒrden nur Deutsche leben. TatsĂ€chlich befanden sich zu diesem Zeitpunkt in dem GebĂ€ude noch 115 Vietnamesen, auf die sich nun die Angriffe richteten. Jugendliche aus der Antifa-Bewegung, die versuchten, die GebĂ€ude und seine Bewohner zu beschĂŒtzen und sich mit den Demonstranten Gefechte lieferten, wurden am Abend von der Polizei festgenommen.
In der Nacht des 24. August warfen unter den anfeuernden "AuslĂ€nder raus"-Rufen der umstehenen Schaulustigen mehrere meist jugendliche TĂ€ter wiederum Steine und Molotow-Cocktails in das GebĂ€ude. Der Eingangsbereich wurde von rechtsextremistischen Skinheads mit BaseballschlĂ€gern gestĂŒrmt, das Licht und die Einrichtung zerschlagen und unter Rufen wie "Wir kriegen Euch alle, jetzt werdet Ihr geröstet" Benzin ausgeschĂŒttet und angezĂŒndet.
Zu den ĂŒber 100 Eingeschlossenen zĂ€hlt auch ein Fernsehteam des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF). Der Augenzeuge Thomas Euting, Leiter des ZDF-Landesstudios Sachsen in Leipzig, berichtet: "Die NotausgĂ€nge zum Nachbarhaus sind allesamt von den deutschen Nachbarn verrammelt und mit Ketten gesichert. Man will verhindern, dass die lĂ€stigen AuslĂ€nder etwa rĂŒberkommen könnten." Auch Euting schrieb in dieser Lage einen Abschiedsbrief an seine Frau.
Den vietnamesische Familien und dem Fernsehteam gelang es jedoch, auf das Dach des Hauses zu fliehen. Die Feuerwehr konnte auf Grund der Gewaltbereitschaft der Anwesenden nicht zum Löscheinsatz ausrĂŒcken. Die Polizei weigerte sich, der Feuerwehr den Weg zu bahnen, da sie sich angeblich krĂ€ftemĂ€Ăig dem Mob unterlegen fĂŒhlte. Erst in der nĂ€chsten Nacht wurde unter Hinzuziehung von auswĂ€rtigen Polizeieinheiten die Situation unter Kontrolle gebracht.
Die Folgen der auslÀnderfeindlichen Attacken
Zahlreiche Medien im In- und Ausland berichteten bereits wĂ€hrend dieser Tage intensiv vom Ort des Geschehens. Besonders bekannt wurde das Bild eines Rostocker Einwohners vor dem brennenden Haus auf den Titelseiten der Weltpresse, im schwarz-rot-goldenen Trikot des Deutschen FuĂball-Bundes, mit Urin befleckter Jogginghose, in der einen Hand eine Bierdose, mit der anderen den Hitlergruss zeigend.
Nach den auslĂ€nderfeindlichen Attacken wurde der Seite der Bundes- und der Landesregierung stets betont, dass es sich um die Taten einzelner handeln wĂŒrde, die die Missbilligung der Mehrheit auf sich ziehen. Diese Behauptung lieĂ sich nach den Bildern der jubelnden und auslĂ€nderfeindlichen Parolen grölenden Menschenmenge nur schwer aufrechterhalten. Auch wurde die Behauptung aufgestellt, dass Neonazis aus Westdeutschland die Attacken koordiniert hĂ€tten, die sich jedoch ebensowenig belegen lieĂ.
Sicher ist, dass die örtlichen Behörden eine Mitschuld an den Attacken tragen. Erst nachdem das Pogrom nationale und internationale Aufmerksamkeit erreicht hatte, forderte die Polizei ausreichende VerstĂ€rkung an und verhinderte weitere Attacken. Zu diesem Zeitpunkt hatte der auslĂ€nderfeindliche Mob sein Ziel erreicht: Die ZASt M-V in Lichtenhagen wurde geschlossen und spĂ€ter nach Boizenburg/ Elbe verlegt. Dort existiert sie noch heute in einer ehemaligen Kaserne der Grenztruppen der DDR, auĂerhalb der Stadt.
Die Debatte um Ursachen der Geschehnisse wurde schnell mit der Diskussion um das deutsche Asylrecht verknĂŒpft. Nur wenig spĂ€ter und von einigen Politikern mit der BegrĂŒndung, in Zukunft Attacken wie in Lichtenhagen zu verhindern zu wollen, wurde das Asylrecht so geĂ€ndert, dass es fĂŒr politische FlĂŒchtlinge quasi unmöglich ist, Asyl in Deutschland zu bekommen (Drittstaatenregelung).
Die juristische Aufarbeitung der Gewalttaten von Lichtenhagen kam einem Skandal gleich. Der Verfolgung der StraftĂ€ter wurde von Seiten der Polizei, der Staatsanwaltschaft und des Gerichtes eine so niedrige PrioritĂ€t eingerĂ€umt, dass sich einige Verfahren bis zu zehn Jahren verschleppten und mit der BegrĂŒndung, dass seit der Tat schon sehr viel Zeit verging nur verhĂ€ltnismĂ€Ăig niedrige Strafen von bis zu zweieinhalb Jahren ausgesprochen und sogar Verfahren wegen VerjĂ€hrung abgebrochen wurden.
Inzwischen gibt es ein ĂŒberparteiliches AktionsbĂŒndnis "Bunt statt Braun", die sich zum Ziel gesetzt hat, dass sich die VorfĂ€lle von 1992 nie wiederholen und dass das "Image" von Lichtenhagen, von Rostock und von Deutschland insgesamt korrigiert wird. Das Motto "Bunt statt Braun" entspringt einer Aktion des Herbstes 1998, als sich in Rostock ein parteiĂŒbergreifendes BĂŒndnis gegen eine Demonstration der NPD vor dem ehemaligen Asylbewerberheim bildete und im September schlieĂlich ĂŒber 20.000 Rostocker fĂŒr eine weltoffene und friedliche Gesellschaft demonstrierten.
FĂŒr seine "Kennzeichen D"-Reportage wurde Thomas Euting mit dem Journalistenpreis der IG-Medien, dem "Tele-Star" von ARD und ZDF und mit der Carl von Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga fĂŒr Menschenrechte ausgezeichnet.
Literatur
- K. Althoetmar, M. Diezsch, M. JĂ€ger, S. JĂ€ger, H. Kellershohn, J. Pfennig, H.-P. Speer, F. Wichert, N. RĂ€thzel: Schlagzeilen. Rostock: Rassismus in den Medien, 2. Auflage, Duisburg: DISS, 1992, ISBN 3-927388-32-7
- Jochen Schmidt: Politische Brandstiftung : warum 1992 in Rostock das AuslĂ€nderwohnheim in Flammen aufging. Berlin : Ed. Ost, 2002. ISBN 336001040X (siehe auch Rezensionen in Junge Weltnd SĂŒddeutsche Zeitungom 17. September 2002)
Weblinks
- weitere Weblinks
- www.dradio.de/eutschlandfunk - Beifall fĂŒr BrandsĂ€tze (rtf)
- [www.heute.t-online.de/ZDFheute/artikel/24/0,1367,POL-0-176728,00.html www.heute.t-online.de/] ZDF heute - Mittendrin im AuslÀnderhass
- [www.zdf.de/ZDFde/inhalt/12/0,1872,1021900,00.html www.zdf.de/] ZDF Politik und Gesellschaft - Zusammenstellung von BeitrÀgen zu dem Pogrom in Rostock
- www.zeit.de/iane von Billerbeck: "Ich war Teil der Meute". Zehn Jahre nach dem Pogrom von Lichtenhagen: TĂ€ter, die zu MĂ€rtyrern gemacht werden, eine Mordanklage und ein ungewisses Urteil. (2002)
- www.buntstattbraun.dektionsbĂŒndnis "Bunt statt Braun"
- Suche nach Pogrom von Rostock-Lichtenhagen Infos mit: Yahoo
