Prekarisierung
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Einordnung: Soziale Sicherung | Arbeitsmarkt | Arbeitsrecht
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Unter Prekarisierung (von prekär lat.-fr.; durch Bitten erlangt; widerruflich, schwierig) wird der Prozess der Zunahme prekärer Arbeitsbeziehungen in der Erwerbsarbeit verstanden. Prekäre Arbeitsbeziehungen sind ökonomisch und historisch in Abgrenzung zum Normalarbeitsverhältnis bestimmt. Ökonomisch sind prekäre Arbeitsbeziehungen solche, die die Reproduktion der sozialen Existenz der in ihnen für ihren Erwerb Arbeitenden (und weiterer Personen, deren Reproduktion von deren Erwerbsarbeitseinkommen abhängig ist – zusammen kurz: Lohnabhängige) im Vergleich zu Personen, deren Erwerbsarbeit als Normalarbeitsverhältnis organisiert ist, prekär werden lassen. Aus diesem Vergleich ergibt sich der historische Aspekt der Bestimmung prekärer Arbeitsbeziehungen: Nur dort, wo das Normalarbeitsverhältnis als normierend etabliert wurde, kann dessen prekäre Auflösung als Prekarisierung verstanden werden (Lit.: AG "Neue Heimat" im Bündnis kritischer GewerkschafterInnen Ost/West 1998). Prekarisierung existiert demzufolge nur in industrialisierten Ländern.
Das fordistische Normalarbeitsverhältnis bietet den in ihm erfassten Lohnabhängigen nicht einfach Versicherungen gegen den Ausfall des Lohnes (Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Arbeitslosen- und Rentenversicherung), sondern kollektive Regelungen, die Risiken der konkret nützlichen Arbeit (Berufsgenossenschaften, Krankenkassen) sowie deren Gestaltung (Arbeitsschutz, Betriebsräte), Entlohnung (Tarifverträge) und Kontrolle der Verausgabung der Arbeit (Gewerkschaftsvertretung, Kündigungsschutz bzw. Abfindungen, regelmäßige Vollarbeitszeit, bezahlter Urlaub) betreffend. Prekäre Arbeitsbeziehungen zeichnen sich durch das Fehlen solcher Elemente und/oder durch niedrige und unsichere Einkommen aus und werden oft als atypische Arbeitsverhältnisse bezeichnet.
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Umfang und Entwicklung der Prekarisierung in der BRD
Der Anteil sogenannt atypischer Arbeitsverhältnisse an der abhängigen Beschäftigung nimmt in Westdeutschland gegenüber den Normalarbeitsverhältnissen seit Anfang der 70er Jahre zu (Lit.: Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen 1996, S. 64, Diekmann/Jann 2003). Normalarbeitsverhältnis bedeutet in diesem Kontext unbefristet sozialversicherungspflichtiges Vollzeitarbeitsverhältnis. Da die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse im selben Zeitraum aber nicht zurück gegangen ist (Lit.: vgl. Diekmann/Jann 2003), kann Prekarisierung (noch) nicht als Verdrängung des Normalarbeitsverhältnisses durch prekäre Arbeitsbeziehungen begriffen werden. Vielmehr ist von einem Nebeneinander prekärer und abgesicherterer Arbeitsbeziehungen auszugehen. Auch am Kriterium der Einkommenshöhe lässt sich Prekarisierung für Westdeutschland belegen: Seit 1980 hat die Zahl derer, die zu weniger als 75 % des Durchschnittseinkommens in Vollzeit arbeiten um fast 400.000 zugelegt, während gleichzeitig die Gesamtzahl der Vollzeitbeschäftigen in Westdeutschland um 1,4 Millionen gesunken ist (Lit.: Schäfer 2003). Auch der Anteil der Armutseinkommen (weniger als 50 % eines Durchschnittseinkommens) bei Vollzeitbeschäftigten nahm zu (Lit.: Schäfer 2003, S. 422).
mögliche Ursachen der Prekarisierung
Durch die Deregulierung am Arbeitsmarkt, die Forderung nach Flexibilität der Arbeitszeiten und des Arbeitsortes und staatliche Vorschriften, die Kürzungen von Sozialleistungen vorsehen, wenn "zumutbare" Arbeitsplätze abgelehnt werden, nimmt die Anzahl der prekären Arbeitsverhältnisse stetig zu. Häufig wird als Grund für die Zunahme der prekären Arbeitsverhältnisse auch die neoliberale Globalisierung genannt. In der Vergangenheit wurde die Prekarisierung häufig als Problem von marginalisierten Gesellschaftsgruppen wie Ausländern, Obdachlosen und unqualifizierten Arbeitnehmern angesehen. Diese befänden sich aufgrund ihrer Situation in einer Abwärtsspirale, durch die das jeweils folgende Arbeitsverhältnis schwieriger, sozial weniger angesehen und schlechter vergütet ist als das vorangegangene.
betroffene soziale Gruppen
Besonders betroffen hiervon ist der Dienstleistungssektor, weil hier viele Arbeitnehmer ohne gewerkschaftlichen Schutz sind. Generell lässt sich feststellen, dass (Arbeitsplätze von) Frauen häufiger von Prekarisierung betroffen sind als (von) Männer(n). Menschen, die sich einer gewissen Heteronormativität entsprechend verhalten scheinen weniger in Prekarisierungs-Gefahr zu sein als Angehörige von so genannten sexuellen Minderheiten (ggf. Gender Minorities): Intersexuelle, Transsexuelle Frauen und Männer, Bisexuelle, Lesben und Schwule. Menschen mit Behinderung wiederum sind eher von Prekarisierung betroffen als so genannte Nicht-Behinderte.
Nach Pierre Bourdieu trifft die Prekarisierung heute aber nicht nur marginalisierte Gesellschaftsgruppen, sondern zunehmend auch solche mit (noch) gesicherten Einkommen.
Beispiele
Als Beispiele für prekäre Arbeitsbeziehungen werden unter anderem genannt:
- Scheinselbständigkeit
- Ich-AG
- Arbeitnehmerüberlassung
- Minijob
- Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
- Schwarzarbeit
- Working Poor
- Bad Jobs
Siehe auch: Sans papiers, Jobhopper, Capuccino-Worker
Literatur
- AG "Neue Heimat" im Bündnis kritischer GewerkschafterInnen Ost/West (1998): Prekarisierung - eine neue Qualität von Verschlechterung der Reproduktion der Arbeitskraft. In: express. Zeitschrift für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, Nr. 4, 37. Jg., 1998,www.akweb.de/ak_s/ak417/01.htm.
- Diekmann, Andreas; Jann, Ben (2003): Das Ende der Normalarbeit: Mythos oder Wirklichkeit?, 10 S.,www.socio.ethz.ch/people/jannb/publications/Diekmann_Andreas_Methoden.pdf.
- Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen (1996): Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in Deutschland. Entwicklung, Ursachen und Maßnahmen. Teil I: Entwicklung von Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in Deutschland und anderen frühindustrialisierten Ländern. Bonn, Oktober 1996, Bericht,www.bayern.de/Wirtschaftsstandort/Zukunftsfragen/bericht_1.pdf.
- Schäfer, Claus (2003): Effektiv gezahlte Niedriglöhne in Deutschland. In: WSI Mitteilungen, Nr. 7, 2003, S. 420-428,www.boeckler.de/pdf/wsimit_2003_07_schaefer.pdf.
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