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Rudi Dutschke

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Rudi Dutschke (* 7. März 1940 in Schönefeld bei Luckenwalde; † 24. Dezember 1979 in Århus, Dänemark), eigentlich Alfred Willi Rudolf Dutschke, war Soziologe und bekanntester Studentenführer während der Studentenbewegung der 1960er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Jugend

Rudi Dutschke wuchs als vierter Sohn des Ehepaars Dutschke aus Brandenburg in Schönefeld bei Luckenwalde auf. Sein Vater Alfred war Postbeamter und befand sich seit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs als Freiwilliger an der Ostfront. Der kleine Rudi erlebte einige Bombenangriffe in seiner Umgebung mit. Erst mit drei Jahren begegnete er seinem Vater, der bis 1947 sowjetischer Kriegsgefangener war.

Dutschke wurde, da er nicht das ersehnte Mädchen war, praktisch erzogen und musste als einziger der Jungen auch die damals als typisch weiblich angesehenen Tätigkeiten Waschen, Bügeln und Stopfen erlernen. Von der Mutter christlich geprägt, wurde er als Schüler Mitglied der evangelischen "Jungen Gemeinde" und übernahm von dem lutherischen Pfarrer seines Ortes einen "religiösen Sozialismus" als Konsequenz aus dem 3. Reich.

In seiner Jugend begann er mit der Leichtathletik und wurde ein guter Zehnkämpfer. Aus der Sportleidenschaft entwickelte sich sein Wunsch, später Sportreporter zu werden. Dazu übte er vor dem Spiegel das freie Reden und schulte sich zu einem hervorragenden Rhetoriker.

Den Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 erlebte Dutschke als Schüler. Er sah sowjetische Panzer in den Straßen und hörte den Westfunk, bekam jedoch von keinem Erwachsenen Antworten auf seine Fragen. Sehr viel bewusster erlebte er dann den Volksaufstand in Ungarn 1956. Diese Erfahrung lenkte seine Blicke auf die Politik. Hier ergriff er Partei für die Aufständischen und für einen selbstbestimmten, demokratischen Sozialismus in Distanz zu den Großmächten USA und UdSSR. Dutschkes Misstrauen gegen die Staatsideologie der DDR wuchs. Aber auch die westdeutschen Karrieren ehemaliger Nazis stießen ihn ab. Er begeisterte sich für Kurt Schumacher, den 1952 verstorbenen Nachkriegs-Vorsitzenden der SPD und hielt wie dieser den „Monopolkapitalismus“ für die Wurzel des Nationalsozialismus.

Als Leistungssportler war Dutschke ohne innere Überzeugung Mitglied der "Freien Deutschen Jugend" (FDJ). Die Wehrpflicht gab es damals in der DDR noch nicht, so dass die SED durch frühzeitige ideologische Schulung versuchte, Schulabgänger zum freiwilligen Wehrdienst anzuwerben. 1957 sprach Dutschke sich jedoch bei einer Abiturfeier offen gegen den Kriegsdienst in der Nationalen Volksarmee (NVA), gegen die offizielle Diffamierung des Pazifismus und für freie Westreisen aus. Daraufhin erhielt er wegen „ungesellschaftlichen Verhaltens“ 1958 schlechte Abiturnoten. Obwohl er als erster seiner Familie das Abitur erreichte, durfte er nun nicht mehr Sport studieren. Denn ohne Wehrdienst erhielt man im Ostblock nur selten eine Zulassung zum Studium. Diesen lehnte Dutschke zum einen als Christ, zum anderen aus Abscheu gegen die Nazizeit und gegen den Kampf von Deutschen gegen Deutsche ab.

Um doch noch eine Studienerlaubnis zu erlangen, machte Dutschke zunächst eine Berufsausbildung zum Industriekaufmann. Während dieser 18-monatigen Lehre musste er auch in einem Volkseigenen Betrieb (VEB) arbeiten und bekam dort zum ersten und einzigen Mal im Leben direkten Einblick in die Welt der Arbeiter. Danach wurde ihm der Zugang zur Universität weiterhin verweigert, da er den Wehrdienst nicht ableisten wollte und auch andere zur Verweigerung des Militärdienstes "aufgestachelt" hatte.

Ab 1960 pendelte Dutschke zwischen Luckenwalde und West-Berlin, um dort ein West-Abitur nachzuholen und so den Zugang zur Freien Universität Berlin (FU) zu erhalten. Er bezog ein Zimmer in Schlachtensee und arbeitete als Sportreporter bei der "Berliner Zeitung" für seinen Lebensunterhalt. Aus dieser Zeit sind zwei Schulaufsätze erhalten, die sich mit den Themen "Dämonie der Macht" und "Freiheit und Ordnung" befassten. Hier wurden bereits einige Grundgedanken sichtbar, die Dutschke später marxistisch begründete und politisch handelnd durchhielt:

"Diese Bewegung gab den Deutschen eine neue Vergangenheit, die nicht mehr aus den faschistischen Wurzeln erwuchs. Das war die Revolution, die Rudi führen wollte." (Gretchen Dutschke-Klotz)

Im Sommer 1961 machte Dutschke sein zweites Abitur. Nach dem Sommer-Urlaub bei seiner Familie in Luckenwalde reiste er vorsorglich früher als geplant am 10. August wieder nach West-Berlin - gerade noch rechtzeitig, um nicht vom Mauerbau am 13. August überrumpelt und vom Studium ausgesperrt zu werden.

Studienzeit

Am Tag des Mauerbaus meldete sich Dutschke als DDR-Flüchtling bei der Westberliner Polizei und wurde sofort von US-Amerikanern verhört. Eine Woche später zog er mit Flugblättern der UNO zum "antifaschistischen Schutzwall" und versuchte vergeblich, die provisorisch einbetonierten Hohlblockbausteine mit Stricken einzureißen. Noch vor Semesterbeginn reiste er allein nach Norwegen, um sich von der Abriegelung von seiner Familie und den Protestwochen danach zu erholen und auf die ungewisse Studienzeit einzustimmen. In sein Tagebuch schrieb er über die "Jasager" des Mauer-"Unrechts": "Solange nicht ausdrücklich Nein gesagt wird, wird bejaht - innere Emigration gibt es nicht - und ich verstand diese Mitwandler, die konform gehen müssen, um überhaupt das nackte Leben retten zu können."

Im Oktober schrieb er sich an der FU für Soziologie ein, um Erklärungen für das Zeitgeschehen zu suchen. Den Journalismus sah er nun als "bodenlos" an. Doch er trieb weiter Sport parallel zum Studium. Nach einem Ringkampf schwollen seine Ohren an und er musste ins Krankenhaus. Er behielt zeitlebens die für Ringer typisch verformten Ohren und nahm es klaglos hin. Damit gab er seine Sportkarriere endgültig auf.

In diesen Jahren begann sich die Jugend der meisten westlichen Großstädte von den Werten der Elterngeneration abzukehren: Man begehrte auf gegen die Konsumbesessenheit, kleinbürgerliche Begrenztheit und Fixierung auf Wirtschaftswachstum, in Deutschland vor allem auch gegen das große Schweigen über die Nazizeit. Dieser Protest äußerte sich zunächst kaum politisch, sondern als Begeisterung für Existentialismus, Beatmusik, Buddhismus und die sogenannte sexuelle Befreiung.

Ein Freund, Hubertus Freiesleben, führte Dutschke 1962 in einen existentialistischen Debattier- und Lesezirkel ein. Dort las man Jean-Paul Sartre und Martin Heideggers "Sein und Zeit". Dutschke identifizierte sich kurze Zeit mit dem individualistischen Begriff des "Hineingeworfenseins", begeisterte sich aber bald mehr für Georg Lukács, einen ungarischen marxistischen Philosophen. Dort fand er statt mystischer eine konkrete gesellschaftliche Erklärung für seine Entfremdung und die Hoffnung, diese durch aktives Handeln überwinden zu können. Er lernte durch einen weiteren Freund, Thomas Ehleiter, die Frühschriften von Karl Marx kennen und entdeckte außerdem die marxistische Vergangenheit einiger seiner Professoren. So erlebte er, wie hart etwa Richard Löwenthal einem RCDS-Studenten widersprach, der Totalitarismus und Sozialismus gleichsetzen wollte.

Obwohl die Existentialisten sich damals als "modern", die Marxisten als "überholt" sahen, bewahrte sich Dutschke seine geistige Unabhängigkeit und fand Wahres in beiden Geistesrichtungen. Er folgte Marx in dessen Wertlehre und Entfremdungsbegriff und sah seine ökonomische Analyse als zutreffend für viele Länder Südeuropas, Lateinamerikas und Asiens an. Doch für Mitteleuropa glaubte er, bei den Arbeitern sei längst kein "Klassenbewusstsein" mehr vorauszusetzen oder zu wecken, da sie durch verbesserte Lebensbedingungen "verbürgerlicht" seien. Es gehe ihnen nicht mehr um die Produktionsverhältnisse, sondern nur noch um Verteilungskämpfe bezüglich Bruttosozialprodukt und Lebensstandard: "Eine Änderung der Besitzverhältnisse ist nicht gleichbedeutend mit Aufhebung der Entfremdung."

Anfang 1963 verliebte sich Dutschke erstmals - unglücklich. Er überwand seinen Schmerz durch verstärktes Studium. Bald lernte er den lutherischen Christen und humanen Sozialisten Helmut Gollwitzer ("Golli") kennen. Mit diesem verband ihn fortan eine enge, lebenslange Freundschaft. Dutschke verleugnete nie die christlichen Wurzeln seines Sozialismus und schrieb Ostern damals in sein Tagebuch: "Jesus ist auferstanden ... die entscheidende Revolution der Weltgeschichte ist geschehen, die Revolution der Welt durch die allesüberwindende Liebe. Nähmen die Menschen voll die offenbarte Liebe im Für-sich-Sein an, die Wirklichkeit des Jetzt, die Logik des Wahnsinns könnte nicht mehr weiterbestehen."

Auch in Ernst Bloch, dem marxistischen Philosophen des "Atheismus im Christentum" und des "Prinzips Hoffnung", fand Dutschke einen Geistesverwandten, dem er verbunden blieb. Gegen den Vulgärmarxismus im Gefolge von Friedrich Engels hielt er immer an der Freiheit des Individuums im Geschichtsprozess fest.

Über seine Mitstudenten Bernd Rabehl und Herbert Nagel lernte Dutschke Dieter Kunzelmann, Gründer der Aktionsgruppe "Subversive Aktion München", kennen. Man traf sich 1964 und gründete eine Berliner "Mikrozelle" dieser Gruppe, die nächtelang diskutierte, dass man handeln und nicht diskutieren wolle. Ein erstes satirisches Flugblatt richtete sich gegen eine Burschenschaft, die an der FU zugelassen werden wollte. Soeben hatte der damalige AStA-Vorsitzende und spätere Regierende Bürgermeister Berlins, Eberhard Diepgen, sein AStA-Amt verloren, weil er einer schlagenden Verbindung angehörte, die an der FU verboten war. Ein weiteres Plakat gab Theodor W. Adornos Hausadresse als Anschrift für Protestbriefe an. Damit handelte man sich eine Anzeige ein und stand vor der Selbstauflösung.

Doch Dutschke studierte zusammen mit Rabehl, der auch aus der DDR gekommen war, intensiv die Geschichte der Arbeiterbewegung, aber auch die "Frankfurter Schule" und konnte bald mit Kunzelmann auf Augenhöhe debattieren. Er erkannte früh, dass es diesem eher um spontaneistische Kultur- als um dialektische Gesellschaftskritik ging. Er glaubte, dass Spontaneismus sich totlaufe und der "Widerstand" organisiert werden müsse. Den linken Professoren der "Kritischen Theorie" wiederum warf er die fortgesetzte Trennung von Theorie und Praxis vor, die es gerade zu überwinden gelte. In seiner ersten eigenen Zeitung, dem "Anschlag", schrieb er bereits über die "Rolle der antikapitalistischen, wenn auch nicht sozialistischen Sowjetunion" und "Revolutionen in der Dritten Welt" als Ausgangsbasis für eine Revolution in Deutschland. Diese Ideen wurden bald Leitmotive der aufkommenden Studentenbewegung. Nun wurde Dutschkes "Anschlag" erstmals im etablierten Sozialistischen Deutschen Studentenbund wahrgenommen und diskutiert. Noch misstraute man hier aber dem rebellischen Aktionismus seiner Gruppe.

Im Sommer 1964 lernte Dutschke auch seine spätere Frau, die US-Amerikanerin Gretchen Dutschke-Klotz, Theologiestudentin aus Chicago, kennen. Nach ihrer ersten Begegnung schrieb sie ihm Briefe, die ihn nach der von ihm verdrängten Relation zwischen Christentum und weltanschaulichem Kommunismus fragten: "Wie ist es möglich, als Christ Kommunist zu sein? ... Der Kommunist sagt, dass die Gesellschaft immer besser wird. Er glaubt, dass es keine Sünde gibt. Aber als Christ kann man das nicht akzeptieren ..." Sie konfrontierte Dutschke erstmals mit der "Dialektischen Theologie" eines Karl Barth und Paul Tillich. Nun las er deren Schriften aus den frühen 20er Jahren und fand sich darin wieder.

Kurz darauf machte sie ihm ein Partnerschaftsangebot. Sie verstand, dass sie nur mit ihm kämpfen, nicht ihn von der Revolution abhalten konnte, und wollte zu ihm nach Deutschland kommen, ohne ihn einzuengen. Dutschke antwortete zunächst nicht, da die Tagesgeschehnisse ihn davon abhielten. Erst im März 1965 nahm er das Angebot vorsichtig an. Sofort reiste Gretchen Klotz nach Westberlin und zog bei ihm ein.

Der Sozialistische Deutsche Studentenbund

Der SDS war 1961 aus der SPD ausgeschlossen worden, nachdem er die Anerkennung der DDR gefordert und die geplante Atombewaffnung der Bundeswehr gemeinsam mit Kommunisten kritisiert hatte. Er blieb als Hochschulgruppe neben dem neuen SHB bestehen und lavierte zwischen SED- und SPD-Nähe.

Oktober 1964 verlor Sowjetführer Nikita Chruschtschow alle Ämter: Er hatte sich in der Kubakrise und bei der missglückten Einigung mit China blamiert. Dennoch stand er für eine "weichere" Linie der UdSSR, für Entstalinisierung und friedliche Koexistenz. Nun entstand ein gewisses „Machtvakuum“ zwischen den Blöcken, das 3.-Welt-Ländern Freiräume zu eröffnen schien. Im nächsten Jahrzehnt folgten soziale und nationale Befreiungskämpfe in Asien, Afrika, Lateinamerika.

Im Dezember 1964 organisierte Dutschke die erste gemeinsame Demonstration der Subversiven Aktion mit Afrikanern und dem SDS gegen einen 3.-Welt-Diktator: Moise Tschombe, Führer des Kongo, war als Mörder des gewählten Präsidenten Lumumba und Helfer des Westens beim Ausbeuten der Rohstoffe seines Landes bekannt. Dutschke änderte während der Demonstration überraschend die polizeilich vorgegebene Route, so dass die Protestler den Staatsbesuch im Schöneberger Rathaus bei Bürgermeister Willy Brandt empfindlich stören konnten. Die etwa 400 Teilnehmer warfen Tomaten auf den hohen Besucher. Die Medienreaktion gab das fortan stereotype Muster mit tatsachenwidrigen Fotos und Schlagzeilen vor, die etwa lauteten: "Studenten schlagen Polizei in die Flucht", "Krawalle von FDJ-Provokateur gesteuert". Dutschke sah hier später den Keim der "Kulturrevolution" von 1968, in der "Aktion Selbstaufklärung über deren Ziel wird".

Im Januar 1965 überführte er die Berliner Subversiven in den SDS, den damals nur etwa 50 aktive Mitglieder trugen. Trotz großer Skepsis gegen die "Anarchisten" nahm man seine Gruppe auf. Spannungen blieben an der Tagesordnung. Aber durch sein gruppenförderndes Verhalten und seine Beschlagenheit in linker Theorie gewann Dutschke rasch Sympathien und wurde bereits nach einem Monat in den Berliner SDS-Beirat gewählt.

Im März reiste Dutschke als einer von 5 SDS-Vertretern nach Moskau, um dort Vertreter des sowjetischen Jugendverbandes "Komsomol" zu treffen. Dort stellte er den Funktionären unangenehme Fragen, etwa zum Kronstädter Aufstand von 1921: "Wer bestimmt denn diese historische Notwendigkeit ... Matrosen, die für die Sowjets (unabhängige Selbstverwaltungsorgane der Arbeiter) eintraten, zu liquidieren?" Er erfuhr, dass Zensur jede kritische Selbstreflexion erstickte und die Entstalinisierung nur oberflächlich war.

Während dieses Besuchs schlossen die Münchner Subversiven ihn aus, obwohl er mit einem Positionspapier versucht hatte, Brücken zwischen Individualisten und Marxisten zu bauen. Dafür schlug ihn der Berliner SDS nun schon ohne sein Werben zum Bundesvorsitzenden vor. Er lehnte ab, ließ sich aber in den Beirat wählen, um die internen SDS-Strukturen besser kennenzulernen.

Er studierte nun intensiv auch Karl Korsch, Max Horkheimer und vor allem Herbert Marcuse, dessen Schriften sowohl in Moskau als auch im SDS bis dahin verpönt waren. Er stimmte dessen Analysen des blockübergreifenden "eindimensionalen Menschen" und der "repressiven Toleranz" zu: einer Scheinfreiheit, die das gesellschaftliche Bewusstsein sowohl im Osten wie im Westen völlig "deformiert". Aber er wollte daraus keine bloße "totale Verweigerung" folgern, sondern suchte weiterhin nach Chancen für eine humane, bessere Alternative.

Als Marxist sah Dutschke die Faktoren Kapital, Lohnarbeit und Privateigentum an Produktionsmitteln als bestimmende Merkmale des Kapitalismus an, aus denen nur Unterdrückung und Ausbeutung folgen können. Doch er hob nun immer genauer die Differenzpunkte zu Stalinisten und Reformisten hervor und scheute sich nicht, die Heroen der 2. und 3. Internationale zu kritisieren: Rosa Luxemburg habe viel zu lange an der SPD als Einheitspartei der Arbeiterklasse festgehalten. Leo Trotzki wiederum habe die Permanente Revolution zu einseitig auf das Militärische reduziert und so Stalin in die Hände gearbeitet. Es habe seit 1945 keine tiefen ökonomischen Krisen in Europa mehr gegeben. Die Erwartung, dass erst Krieg und Massenelend eine erfolgreiche Revolution vorbereiten könnten, sei verfehlt und Ausdruck eines falschen Menschenbildes. Eine neue Kritik der politischen Ökonomie sei nötig, um die heutigen Bedingungen für eine erfolgversprechende Revolution der Produktionsverhältnisse realistisch einschätzen zu können.

Dutschke glaubte fest an die Notwendigkeit einer internationalen Revolution. Für die Bundesrepublik aber sah er keine kurzfristige Revolutionsmöglichkeit, sondern einen jahrzehntelangen Kampf für ein neues soziales Bewusstsein, das den fundamentalen Widerspruch zwischen gesamtgesellschaftlichen Bedürfnissen und ihrer entfremdeten Befriedigung aufdeckt und den verlogenen "Schein" durchbricht. Besonders nach der Lektüre von Frantz Fanons "Die Verdammten dieser Erde" setzte er dazu viel Hoffnung auf die Zusammenarbeit mit Befreiungskämpfern aus der 3. Welt. Dort seien die Bedingungen für eine Revolution eher vorhanden: Diesen "marxistischen Standpunkt" fand Dutschke damals eher bei Chinas Maoisten als bei den Sowjets. Ernest Mandel dämpfte jedoch seine anfängliche Begeisterung für Mao Zedongs "Kulturrevolution" (1966) und machte ihm klar, dass dort keine Entbürokratisierung, sondern ein Machtkampf zur Festigung der Parteidiktatur stattfand.

Dutschke hielt aber auch Umsturzversuche in der "3. Welt" für aussichtslos, solange die Industrieländer Mitteleuropas und der USA ihre Ordnung so starr aufrecht erhielten. Vorrang müsse daher die Konfrontation der Linken mit der eigenen Staatsmacht haben, um der Bevölkerung die Augen zu öffnen, nicht der Aufbau einer neuen Partei links von der SPD. Lenins Parteikonzept sei nur bedingt auf die Verhältnisse in der 3. Welt übertragbar - Dutschke hielt die Kubanische Revolution nicht für exportierbar -, aber auch in Mitteleuropa müssten andere Wege als die der traditionellen marxistischen Parteiorganisation gesucht werden.

Nicht zuletzt durch den Austausch mit seiner Partnerin Gretchen Klotz vertrat Dutschke nie einen platten Anti-Amerikanismus. Er versuchte eine Zeit lang, Kontakte zur "Black-Power" und "Black-Panther"-Bewegung zu knüpfen. Bevor dies gelang, wurde deren Anführer Malcolm X ermordet. Doch Dutschke gewann stetig ein immer klareres, eigenes Profil im SDS und darüberhinaus. Er fand Freunde auch in der SPD, etwa Harry Ristock, Eike Hemmer, Peter Brandt, und lebenslange Mitstreiter wie Jürgen Treulieb und Klaus Meschkat.

Heirat, Beziehungskonflikte und die Kommune I

Am 23. März 1966 heirateten Rudolf Dutschke und Gretchen Klotz. Seine Eltern hatten Vorbehalte gegen eine Ausländerin und offene Partnerschaft gehabt, während seine politischen Freunde die Ehe als "kleinbürgerlich" ablehnten. Frauen sollten kein "Privateigentum" sein, wurden aber faktisch von vielen linken Männern wie Konkubinen gehalten und nicht als politische Wesen Ernst genommen. Frau Klotz erfuhr Ablehnung, als sie das politische Umfeld ihres Mannes kennenlernen wollte. Er selbst hatte hohe Ansprüche an eine feste Bindung. Um die Ungewissheit und räumliche Trennung zu beenden - sie studierte damals in Hamburg -, zogen sie nach der Hochzeit in Berlin zusammen.

Auf ihrer Hochzeitsreise besuchten sie Georg Lukács in Budapest. Sie erlebten einen resignierten Kommunisten, der sich von seinem früheren Freund Ernst Bloch distanzierte und wieder die Linie der Kommunistischen Internationale von 1935 vertrat. Diese propagierte eine "Volksfront" gegen den Faschismus, die der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 dann zerstörte.

Um den abstoßenden, von Männern dominierten Debatten im SDS etwas entgegen zu setzen, veranlasste Frau Dutschke-Klotz regelmäßige Treffen von Frauen und interessierten Männern, die Kommune-Erfahrungen sammeln wollten. Sie planten ein Gemeinschaftshaus, das Leben, Arbeiten und Kinder aufziehen für alle Bewohner ermöglichen sollte.

Mit Dieter Kunzelmanns Umzug nach Berlin veränderte sich die Idee: Er sah die Kommune als "Mittel, unsere Neurosen und Reduktionen zu überwinden." Sexuelle Freiheit, Bindungslosigkeit und Selbsttherapie sollten nun im Vordergrund stehen. Daran war das Ehepaar Dutschke weniger interessiert. So wurde nichts aus dem gemeinsamen Wohnprojekt. Dann, nach zwei Jahren ergebnislosen Diskutierens, gründete Kunzelmann u.a. mit Rainer Langhans und Fritz Teufel die "Kommune 1".

Gegen Vietnamkrieg und für Demokratisierung der Hochschulen (1966)

Seit August 1964 bombardierten die USA Nordvietnam. Bundeskanzler Ludwig Erhard erwog Militärhilfe, während Frankreich, das den Vietnamkrieg eingeleitet hatte, diese nun verweigerte. Die Medien, allen voran die Springerpresse, stellten den Krieg als Kampf für die Freiheit des Westens und Westberlins dar. Zugleich weigerten sich Hochschulen und Professoren, dieses Thema zu behandeln. Darum beschloss der SDS 1965, politisch interessierte Studenten gegen die Desinformation seitens der Medien eigenständig über den Zusammenhang deutscher Regierungs- und Bildungspolitit mit der US-Politik aufzuklären. Diese Thematik wurde zum Brennpunkt für die aufkommende Studentenbewegung.

Im Januar 1966 setzte US-Präsident Lyndon B. Johnson die US-Bombardements aus. Gegen ihre Wiederaufnahme plakatierten die Subversiven bundesweit einen Text von Dutschke:

„Erhard (Kanzler) und die Bonner Parteien unterstützen MORD. Mord durch Napalmbomben, Mord durch Giftgas. Mord durch Atombomben? ...Wer es wagt, sich aufzulehnen gegen Ausbeutung und Unterdrückung, wird von den Herrschenden mit Brutalität niedergemacht. Kuba, Kongo, Vietnam - die Antwort der Kapitalisten ist Krieg. ... Wie lange noch lassen wir es zu, dass in unserem Namen gemordet wird? AMIS RAUS AUS VIETNAM! Internationale Befreiungsfront.�

Die Plakate wurden sofort abgerissen, fanden aber ein Presseecho und lösten eine Reihe von Demonstrationen aus. In Westberlin kam es zu ersten Sitzstreiks, Eierwürfen, Einkesselung und Prügelorgien seitens der Polizei.

Dutschke verteidigte gewaltlose Regelverletzung als notwendige Reaktion auf die „formierte Gesellschaft“, die Kritik durch sozialpsychologische Mechanismen unterdrücke. Opposition müsse daher provozieren, um wahrgenommen zu werden. Diese Linie setzte sich nun allmählich im SDS durch. Der Senat der Berliner FU trug dazu bei, indem er Vietnam-Vorträge in seinen Räumen untersagte, dem AStA Aufrufe zu Demonstrationen verbot und inhaftierte Demonstranten vom Studium ausschließen wollte. Als Dutschke dies anprangerte, kündigte Universitätsrektor Hans-Joachim Lieber, der zugleich sein Doktorvater war, im März seinen Assistentenvertrag. Er musste eine akademische Karriere vorerst aufgeben.

Im Mai organisierte der SDS den ersten bundesweiten Vietnamkongress in Frankfurt/Main. Er vereinte Professoren der „neuen Linken“ – etwa Herbert Marcuse, Jürgen Habermas, Oskar Negt - mit denen der „alten“, dem Leninismus zuneigenden Linken – z.B. Wolfgang Abendroth, Frank Deppe, Kurt Steinhaus. Sie erklärten die Haltung der Bundesregierung zum US-Krieg aus den Wirtschaftsbeziehungen zu den USA und Südvietnam und stellten den Zusammenhang westdeutscher Aufrüstung mit Notstandsgesetzen und Entdemokratisierung an den Hochschulen her. Zum Abschluss fand die bisher größte Demonstration gegen den Vietnamkrieg in der Bundesrepublik statt, nachdem bereits im April 100.000 New Yorker gegen die US-Bombardements auf die Straße gegangen waren.

Im Juni wollte der FU-Senat das „Berliner Modell“ studentischer Mitbestimmung einschränken, die Regelstudienzeit begrenzen und jedes politische AStA-Mandat untersagen. Es kam zu einem „sit-in“ vor dem Senatsgebäude, das zu einem offenen „teach-in“ wurde. Im Ergebnis verlangten 3.000 FU-Studenten eine umfassende Demokratisierung der bundesdeutschen Hochschulen über das Berliner Modell hinaus. Dutschke sah hier den Kern eines „antiautoritären Lagers“, das auch der Entdemokratisierung der Gesellschaft entgegentreten könne: "Wir sind dabei, unsere akademische Würde zu verlieren und das Niveau der Geschichte zu gewinnen, das Niveau von Madrid, Barcelona, Berkeley und Caracas." Dort fanden damals ebenfalls massenhafte Studentenproteste gegen den Vietnamkrieg, für umfassende Bildungs- und Gesellschaftsreformen statt.

Im November bildeten CDU und SPD unter Kiesinger und Brandt eine große Koalition. Die Notstandsgesetze bedrohten die außerparlamentarische Opposition mit Kriminalisierung. Dutschke unterstützte Überlegungen zu einer neuen Parteigründung, die auch von SPD-Linken angestellt wurden. Ihm kam es auf eine dauerhafte, schlagkräftige und nicht nur akademische Organisation an. Doch es blieb bei der APO, die nun immer stärker wurde.

Im Dezember fragte Dutschke den südvietnamesischen Botschafter bei einer Podiumsdiskussion: „Wissen Exzellenz, dass nach Angaben amerikanischer Geheimdienste 80 Prozent der südvietnamesischen Landbevölkerung die Befreiungsfront (Nordvietnams) unterstützen?“ Als dieser die Vietcong weiter nur „Terroristen“ und „Mörder“ nannte, kam es zu Tumulten. Daraufhin wollte der FU-Senat dem SDS die finanzielle Förderungswürdigkeit entziehen.

Die Bevölkerungsmehrheit lehnte die engagierten Studenten gemäß den Parolen der Bild-Zeitung als "Radaubrüder" und DDR-Sympathisanten ab. Mit Spaß-Demonstrationen im Weihnachtsrummel versuchte der SDS dies aufzulockern: "Wir spazieren für die Polizei!" Daraufhin griffen Kriminalbeamte in Zivil die "Rädelsführer", darunter Dutschke, aus der Menge heraus und inhaftierten sie tagelang. Ein "Puddingattentat" der Kommune I auf den Berlinbesucher US-Vizepräsident Hubert Humphrey wurde so vereitelt. Die Springerpresse behauptete einen geplanten "Bombenanschlag". Die FU erpresste den AStA, er müsse sich davon distanzieren und die Subversiven ausschließen, um weiter Gelder zu erhalten. Bei einer erzwungenen Urabstimmung stellte sich die Studentenmehrheit jedoch hinter AStA und SDS. Dennoch blieb der Rektor bei seiner Haltung. Durch solche Erfahrungen wuchs der studentische Protest weiter an.

Zuspitzung (1967)

Der 2. Juni 1967 wurde zu einem Wendepunkt für die APO. Der Besuch des Schahs von Persien, Reza Pahlevi, sollte medienwirksam als prachtvoller Staatsempfang inszeniert werden. Kritische Studenten versuchten dagegen im Vorfeld auf Armut, Folter, Spitzelsystem und Missachtung der Menschenrechte in Persien hinzuweisen. Eine Springer-Kampagne behauptete daraufhin ein geplantes Attentat auf den Besucher. Die Bundesregierung bestellte und bezahlte sogenannte "Jubelperser", um vom Protest abzulenken.

In Berlin ließ die Polizei die Schahanhänger die eingekesselten Gegendemonstranten verprügeln und begann dann selbst zu knüppeln. Bei dem Versuch, einem Verletzen zu helfen, wurde der Student Benno Ohnesorg von Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras erschossen. Dies wurde von den Behörden zuerst vertuscht. Die Bild-Zeitung gab den Studenten die Schuld, verglich sie mit der SA, verlangte das Ende der "demokratischen Toleranz" und rief die Berliner auf: "Helft der Polizei, die Störer zu finden und auszuschalten". Bürgermeister Heinrich Albertz erließ ein Demonstrationsverbot und kündigte Schnellgerichte an. Für die Angehörigen des Toten hatte er kein Wort übrig. - Doch am 16. September trat er zurück und gestand: "Ich war am schwächsten, wenn ich am härtesten gehandelt habe; am Abend des 2. Juni, da habe ich mich objektiv falsch verhalten."

Dutschke, der am 2. Juni nicht in Berlin war, forderte am Folgetag diesen Rücktritt der für den Polizeieinsatz Verantwortlichen und eine völlige Neuorientierung der Polizeiausbildung. Andere forderten die Enteignung des Springerkonzerns gemäß Artikel 25 des Grundgesetzes und das Verbot derartiger Staatsempfänge. 4.000 Berliner Studenten stimmten dem zu. Einige liberale Zeitungen - Der Spiegel, Frankfurter Rundschau, Die Zeit - druckten ihre Forderungen überraschenderweise nun nach. Bundesweit fanden Protestaktionen statt.

Doch nur sehr wenige Professoren solidarisierten sich mit den Studenten: Helmut Gollwitzer, Margeritha von Brentano, Jakob Taubes. Jürgen Habermas erhob gegen Dutschke den Vorwurf des Voluntarismus und "Linksfaschismus". Denn dieser glaubte, die technischen und ökonomischen Bedingungen für eine Revolution seien gegeben. Diese hänge nunmehr vom bewussten Willen der Menschen ab, und dieser Wille könne durch sorgfältig geplante, provokative, aber gewaltfreie Protestformen geschaffen werden, während die kritische Theorie in praxisferner Konservierung der erreichten Scheindemokratie steckenbleibe.

Am folgenden 17. Juni verlangte er vor 2.500 Zuhörern eine kritische Auseinandersetzung mit der Art, wie der DDR-Aufstand von 1953 im Westen erinnert werde; aber ebenso mit Mauer, Schießbefehl, Staats-Kommunismus der DDR selbst. Dutschke sah deren System nicht als Sozialismus an und sprach sich offen für eine baldige radikaldemokratische Revolution im gesamten Ostblock als notwendiges Pendant zum Vietnamprotest im Westen aus. Kurz darauf entwarf er in einem Artikel die Idee eines basisdemokratischen Westberlin, das zur Keimzelle und zum Vorbild für eine Wiedervereinigung beider deutscher Teilstaaten in wirklicher Demokratie werden könne.

Dieses Thema war damals im SDS Tabu. Aber Proteste und Mitgliederzulauf wuchsen ständig, so dass man ernsthaft über den Aufbau einer "direkten Demokratie" mitsamt einer "Gegenregierung" in Westberlin nachzudenken begann. Dutschke konzipierte einen "Freistaat" nach Analogie einer "Räterepublik", die Aufrechterhaltung des Viermächte-Status, aber Reduzierung des Militärs auf ein Minimum, Enteignung des Springerkonzerns, aber Beibehaltung einer gemischten Ökonomie. Als ersten Schritt dorthin sah er die organisierte Verweigerung von Mieten, Arbeitszeiten, jeder Zusammenarbeit mit den Institutionen, Presse, Parlament, Verwaltung, Hochschulen und gleichzeitigen Aufbau autonomer Selbstverwaltungsnetze. Einige dieser Ideen vertrat er öffentlich in Interviews. Jahre später kommentierte er: "Was für eine Illusion!"

Im September kam es auf dem Bundeskongress des SDS zu Spaltungstendenzen. Dutschke und Hans-Jürgen Krahl forderten gemeinsam: "Die Propaganda der Schüsse in der dritten Welt muss durch die Propaganda der Tat in den Metropolen vervollständigt werden, welche eine Urbanisierung ruraler Guerillatätigkeit geschichtlich möglich macht." Dadurch sahen die dogmatischen Marxisten die führende Rolle der Arbeiterklasse im revolutionären Prozess in Gefahr.

Am 9. Oktober erfuhr Dutschkes Hoffnung einen Dämpfer: In Bolivien hatte ein CIA-Agent den untergetauchten kubanischen Guerillakämpfer Ernesto Che Guevara gefunden und ermorden lassen. Che war zum Revolutionshelden auch für viele europäische Linke geworden. 1965 hatte Dutschke seine Schrift "Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnams" mit einem chilenischen Freund ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht. Aber so sehr er die Strategie des Antiimperialismus in 3.-Welt-Ländern bejahte, so kritisch sah er Ches Lob des Hasses und schrieb dazu: "Die Gefahr des Umschlags von militantem Humanismus in verselbstständigten Terror wohnt jeder Form des Hasses inne."

Am 21. Oktober demonstrierten weltweit 100.000e gegen den fortgesetzten Vietnamkrieg, der inzwischen um eine Million Opfer gefordert hatte. Doch Dutschkes Versuch, die seit dem 2. Juni eingeschüchterten Studenten zu gewaltfreier Regelverletzung zu ermutigen, misslang.

Als gesuchter Redner reiste er nun kreuz und quer durch die Republik, aber auch ins Ausland. In Skandinavien, Frankreich und Italien fand sein antiautoritäres Revolutionskonzept mehr Zustimmung als in Deutschland.

Im November fand an der FU die "Kritische Universität" statt: eine Reihe autonomer Seminare und Veranstaltungen zu selbstgewählten Themen, die von 1000en Studenten und auch vielen Dozenten mitgetragen wurden. Dutschke hatte das Konzept mitentworfen.

Am 13. 11. starb seine Mutter. Er durfte unbehelligt zu ihrer Beerdigung in die DDR reisen. Dies wurde in der Westberliner Presse auf "gute Beziehungen zur SED" zurückgeführt. In einer Gegendarstellung betonte Dutschke die Unvereinbarkeit von SDS- und SED-Mitgliedschaft.

Bei einer Podiumsdiskussion mit Rudolf Augstein und Ralf Dahrendorf machte Dutschke eine ebenso gute Figur wie bald darauf in seinem ersten Fernsehinterview. Während er bundesweit an Ansehen gewann, nahm der Hass gegen ihn in Westberlin zu: Bei einem Versuch, Heiligabend in der Berliner Gedächtniskirche zum Vietnamkrieg zu reden, wurde er von Kirchgängern so stark verprügelt, dass er ins Krankenhaus musste.

Am 12. Januar 1968 kam der erste Sohn der Dutschkes zur Welt: Sie nannten ihn "Hosea-Che" nach dem biblischen Propheten der sozialkritischen Liebe Gottes und dem ermordeten Hoffnungsträger Lateinamerikas. Dieser hatte die Familie als Hindernis für den Berufsrevolutionär angesehen.

Attentat und danach


(in Arbeit)

- Anklage gegen Springer

- Ernst Bloch und der "lange Marsch"

- Tet-Offensive und Vietnamkongress

- illegale Demo vor US-Kasernen. Kurt Scharf deeskaliert: Demo wird erlaubt, 20.000 Teilnehmer

- D gründet Internationales Forschungsinstitut (INFI). Lefevre, Rabehl, Semler leisten wachsenden Widerstand im SDS gegen antiautoritäre Linie von Aufklärung und Aktion

- D ruft in Amsterdam zu Angriffen gegen NATO-Basen auf

- Bildkampagne gegen Studenten: Pogromstimmung. 21. 2.: Gegendemo, Mordversuch an Dutschke-Ähnlichem. Warnungen von Wolf Biermann.

- Prag-Besuch bei Milan Machovec: Frühling beruft sich auf Jan Hus, nicht Rosa Luxemburg. Aber gemeinsame Aktionen mit westdeutschen Studenten. D. glaubt nicht an russische Okkupation.

- 1. 4. US-Außenminister McNamara tritt zurück, Präsident Johnson will Frieden verhandeln mit Vietcong. 4. 4.: ML King ermordet. 11. 4.: Attentat auf D.


Am 11. April 1968 wollte Dutschke in einer Apotheke nahe dem SDS-Haus am Kurfürstendamm in Berlin Nasentropfen für seinen Sohn holen. Dabei wird er von Josef Bachmann angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Insgesamt gibt Bachmann drei Schüsse auf Dutschke ab. Bachmann war mit dem Tatvorsatz nach Berlin gereist.

Die Hintergründe der Tat werden nie ganz geklärt, jedoch legen Äußerungen in der Gerichtsverhandlung eine Beeinflussung durch die Kampagne der Springer-Presse gegen Dutschke nahe. Auch werden Bachmann rechtsextreme Tendenzen nachgesagt. Zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, begeht Bachmann während der Haft Selbstmord. Heute erinnert eine Gedenktafel am Tatort vor dem Haus Kurfürstendamm 141 an das Attentat auf Dutschke.

Massivste Unruhen waren die Folge, vor allem gegen Springer und seine Bild-Zeitung. Die meisten der Studentenbewegung glaubten, dass Bachmann, der angeblich eine Bild-Zeitung mit der Schlagzeile "Stoppt Rudi Dutschke!" bei sich hatte, durch diese zu dem Attentat aufgehetzt wurde.

Dutschke überlebte das Attentat nur knapp mit schwersten Gehirnverletzungen und musste mühsam vieles wieder erlernen, zu allererst das Sprechen selbst. Zur Genesung verweilt er ab 1969 in der Schweiz, in Italien und in Großbritannien. Viele Freunde halfen den Dutschkes und kamen für die Kosten auf, unter ihnen auch Heinrich Albertz, ehemaliger Bürgermeister von Berlin, und Ernst Bloch, zu dem er mit der Zeit einen intensiven persönlichen Kontakt aufgebaut hatte. In England ließ er sich dann auch nieder, wurde aber während eines Irland-Urlaubes vorübergehend ausgewiesen. Er konnte jedoch zurückkehren und begann mit der Fortsetzung seines Studiums in Cambridge. In diesem Jahr wurde sein zweites Kind geboren. Ende 1970 jedoch wurde er, wegen angeblicher subversiver Tätigkeiten, endgültig ausgewiesen. Daraufhin reisten die Dutschkes nach Dänemark, wo sie zunächst bei Freunden unterkamen. Rudi Dutschke erhielt in diesem Jahr eine Anstellung als Dozent an der Universität Århus.

1973 hielt Dutschke seine erste öffentliche Rede nach dem Attentat auf einer Anti-Vietnam-Demonstration in Bonn. 1974 veröffentlichte er seine Dissertation über Lukács. Darin beschrieb er auch ausführlich seine Vision des Weges Deutschlands zu einem freien, also nicht von Ost-Berlin, Moskau oder Peking bevormundeten Sozialismus. Des Weiteren distanzierte er sich deutlich von den Taten der RAF, die sich aus dem Umfeld der Studentenbewegung herauskristallisiert hatte und von deren erster Generation Dutschke viele kannte.

1975 war Dutschke Projektmitarbeiter einer Forschungsgruppe und reiste zum ersten Mal offiziell in die DDR, wo er in Kontakt zu Wolf Biermann und Robert Havemann trat. Im Jahr darauf verstärkte er seine Bereitschaft zu Vorträgen und hielt solche zu Themen der Menschenrechte, zum Berufsverbot und zu Osteuropa in Norwegen, Italien und Deutschland. Es folgten Fernsehauftritte und sein politisches Engagement wurde wieder geweckt. Ab 1977 war er freier Mitarbeiter verschiedener linker Zeitungen und hatte eine Gastprofessur in Groningen/Niederlande. Er beteiligte sich auch aktiv in der Anti-Atomkraft-Bewegung, so zum Beispiel an den Demonstrationen in Brokdorf. 1978 und 79 war er Teilnehmer an den Russell-Tribunalen über die Menschenrechte. Zeitgleich engagierte er sich sehr für die Anfänge der grünen Bewegung, in der einen Hoffnungsschimmer für seine Überzeugungen sah.

Rudi Dutschke starb am Heiligabend des Jahres 1979 nach einem epileptischem Anfall in seiner Badewanne. Diese Todesursache war eine Spätfolge des Attentats.

Am 3. Januar 1980 fand unter großer Anteilnahme die Beerdigung auf dem St. Annen Friedhof in Berlin-Dahlem statt. Im Audimax der FU kamen mehrere tausende Trauernde zusammen. Kurz nach der Beerdigung kam mit Rudi-Marek Dutschke das dritte Kind Dutschkes auf die Welt.

Am 23. Dezember 2004 meldet eine Agentur, dass die Familie von Rudi Dutschke das Vorhaben unterstützt, in Berlin eine Straße nach dem vor 25 Jahren gestorbenen Studentenführer zu benennen. Dutschkes Sohn Rudi-Marek stellte sich im Interview hinter den Vorschlag, die Kreuzberger Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße umzubenennen. Die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg entscheidet dazu Januar 2005.


Siehe auch: Sozialistischer Deutscher Studentenbund, Außerparlamentarische Opposition, 68er-Bewegung, Herbert Marcuse, Ernst Bloch

Werke

Literatur

Weblinks






--InfoG 16:30, 24. Mär 2005 (CET)









Info Hinweis: Dieser Artikel basiert auf dem Ursprungsartikel Rudi Dutschke aus der Wiki pedia und er steht unter der GNU-Lizenz link fuer freie Dokumentation, eine Autoren-Liste ist ebenfalls verfuegbar.