Symbolischer Interaktionismus
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Einordnung: Soziologie
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Der symbolische Interaktionismus ist eine soziologische Theorie, die sich mit der Interaktion zwischen Personen beschÀftigt. Sie basiert auf dem Grundgedanken, dass die Bedeutung von sozialen Objekten, Situationen und Beziehungen im symbolisch vermittelten Prozess der Interaktion/Kommunikation hervorgebracht wird.
Die Schule des symbolischen Interaktionismus (auch Chicagoer Schule) wurde von Herbert Blumer begrĂŒndet. Blumer war ein SchĂŒler des Sozialphilosophen und frĂŒhen Sozialpsychologen George Herbert Mead. Bei der Ausarbeitung des Symbolischen Interaktionismus hat sich Blumer vor allem an Meads Ăberlegungen zur phylogenetischen Bildung des Bewusstseins und ontogenetischen Entwicklung der IdentitĂ€t auf Grundlage der Verwendung einer gemeinsamen Sprache ("logisches Universum signifikanter Symbole") orientiert.
Blumer stellt drei grundlegende PrÀmissen des symbolischen Interaktionismus auf:
- Dass Menschen Dingen gegenĂŒber auf der Grundlage der Bedeutungen handeln, die diese Dinge fĂŒr sie haben,
- dass die Bedeutung dieser Dinge aus der sozialen Interaktion mit anderen abgeleitet oder in ihr entstanden ist, und
- dass eben diese Bedeutungen in einem interpretativen Prozess in Auseinandersetzung mit den Dingen benutzt, gehandhabt und abgeÀndert werden.
Die AktivitĂ€t der Menschen besteht also laut Blumer darin, âdass sie einem stetigen Fluss von Situationen begegnen, in denen sie handeln mĂŒssen, und dass ihr Handeln auf der Grundlage dessen aufgebaut ist, was sie wahrnehmen, wie sie das Wahrgenommene einschĂ€tzen und interpretieren und welcher Art geplanter Handlungslinien sie entwerfen...â.
Diese Interpretation menschlichen Handelns lÀsst sich ebenso auf gemeinsames, kollektives Handeln anwenden, an dem eine Vielzahl von Individuen beteiligt ist. Gesellschaftliches Handeln (im wörtlichen Sinne, d.h. Handeln in einer Gesellschaft / in einem sozialen Umfeld) lÀsst sich somit nach Blumer immer als soziales Handeln benennen. Da jedwedes gesellschaftliche Handeln immer aus Individuen besteht, ist es durch den symbolischen Interaktionismus möglich, dieses Handeln sowohl in seinem gemeinsamen, kollektiven Charakter zu betrachten wie auch in seinen individuellen, d.h. durch die symbolischen Interaktionen einzelner Individuen konstituierten Komponenten.
Der symbolische Interaktionismus verheiĂt somit, auch komplexe gesellschaftliche VorgĂ€nge zumindest theoretisch auf seine jeweils kleinste Einheit, das Individuum, herunter brechen zu können. Gemeinsames, kollektives Handeln stellt hierbei immer das Resultat bzw. den Verlauf eines Prozesses gegenseitig interpretierender Interaktionen dar.
Menschliches Zusammenleben besteht also âaus und in dem gegenseitigen Aufeinanderabstimmen der Handlungslinien durch die Beteiligtenâ, wobei der spezifische Charakter der gemeinsamen Handlungen in der Verbindung eben dieser selbst begrĂŒndet und unabhĂ€ngig von dem ist, was jeweils verbunden oder verknĂŒpft wird.
Das gemeinsame Handeln, welches Blumer auch als das âverbundene Handeln der Gesamtheitâ bezeichnet, ist somit immer die Gesamtheit der Verkettungen / Aufeinanderabstimmungen einzelner Handlungen der Individuen und somit das Ergebnis eines fortwĂ€hrend ablaufenden, niemals abgeschlossenen Entwicklungsprozesses.
Betrachtet man diejenigen FÀlle, in denen das gemeinsame Handeln wiederkehrend und stabil ist (also gesellschaftlich gefestigte, sich wiederholende Muster gemeinsamen Handelns), so haben die an der jeweiligen Situation beteiligten Menschen im Voraus ein VerstÀndnis davon, wie sie und andere handeln wollen und wahrscheinlich werden. Dieses VerstÀndnis ergibt sich aus den gemeinsamen, schon bestehenden Deutungen dessen, was von der Handlung eines Teilnehmers einer Situation zu erwarten ist. Aufgrund eben dieses VerstÀndnisses ist jeder Teilnehmer in der Lage, sein eigenes Verhalten auf der Grundlage dieser Deutungen zu steuern.
Hierbei lÀuft der geneigte Leser Gefahr, Ursache und Wirkung dahingehend zu vertauschen, dass er zu dem Schluss kommen könnte, es sind also die Normen, Regeln, Werte und Sanktionen welche das Handeln der Menschen determinieren, indem sie vorschreiben, wie Menschen in den unterschiedlichsten Situationen zu handeln haben. Jedoch werden laut Blumer die Interaktionen der Teilnehmer einer Situation nicht von den Werten und Normen determiniert; sondern die Werte und Normen werden erst durch das kontinuierliche Aushandeln von Bedeutungen in den Interaktionen der Teilnehmer konstituiert.
Dies gilt auch wenn die Handlungen konsistent bleiben! Denn auch wenn es sich um eine dauerhaft bestehende und wiederkehrende Form gemeinsamen Handelns dreht, muss jede einzelne Wiederholung einer solchen gemeinsamen Handlung erneut entwickelt werden. Wenn sich die Handlung wiederholt, so tun die Teilnehmer dies, indem sie dieselben wiederkehrenden und konstanten Bedeutungen benutzen.
Hierbei könnte man allerdings erörtern, ob die jeweiligen Handlungen dann nicht dennoch eine einzigartige QualitĂ€t besĂ€Ăen, da selbst bei konstant bleibenden Deutungen keine Situation genau wie die andere sein wird.
Die stĂ€ndige Neubildung von Handlungen und Deutungen, auch wiederkehrender, anzuerkennen, bedeutet also gleichsam eine Verschiebung der Perspektive dergestalt, dass es nicht die gemeinsame Handlung selbst ist, welche sich einer âĂŒber allem schwebendenâ Regel oder Norm unterordnet, auf die es ankommt; sondern, dass es die Aushandlungen der Bedeutungen sowie der Konstruktionsprozess der gemeinsamen Handlung sind, welche die Regeln und Normen erst entstehen lassen.
Sowohl wiederkehrende, âeingefahreneâ Handlungen als auch neue Formen gemeinsamen Handelns sind also als das Ergebnis eines durch Interaktion angetriebenen Interpretationsprozesses zu sehen.
Literatur
Herbert Blumer, Der methodologische Standort des symbolischen Interaktionismus. In: Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (Hrsg.), Alltagswissen, Interaktion und gesellschaftliche Wirklichkeit, Bd. 1, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1973
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